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lifeζωή (gr.); vita (lat.); vie (fr.); Leben (ger.)

  • 1) The form of existence of living beings.
    life
    c. -378 (BC)

    Ψυχρα τι ν ατ κατάσχ, εκει π’ κενο φέρουσα ζωήν [if the soul takes possession of anything it always brings life to it].

    Plato (c. 378 BC). Phaidon 105d (transl. by H.N. Fowler).

    c. -340 (BC)

    τῶν δὲ φυσικῶν τὰ μὲν ἔχει ζωήν, τὰ δ’ οὐκ ἔχει·ζωὴν δὲ λέγομεν τὴν δι’ αὑτοῦ τροφήν τε καὶ αὔξησιν καὶ φθίσιν. ὥστε πᾶν σῶμα φυσικὸν μετέχον ζωῆς οὐσία ἂν φθίσιν. ὥστε πᾶν σῶμα φυσικὸν μετέχον ζωῆς οὐσία ἂν εἴη, οὐσία δ’ οὕτως ὡς συνθέτη. […] πλεοναχῶς δὲ τοῦ ζῆν λεγομένου, κἂν ἕν τι τούτων ἐνυπάρχῃ μόνον, ζῆν αὐτό φαμεν, οἷον νοῦς, αἴσθησις, κίνησις καὶ στάσις ἡ κατὰ τόπον, ἔτι κίνησις ἡ κατὰ τροφὴν καὶ φθίσις τε καὶ αὔξησις. [...] τὸ δὲ ζῆν τοῖς ζῶσι τὸ εἶναί ἐστιν

    [But of natural bodies some have life and some have not; by life we mean the capacity for self-sustenance, growth, and decay. Every natural body, then, which possesses life must be a substance, and substance of the compound type. […] But the word living is used in many senses, and we say that a thing lives if any one of the following is present in it—mind, sensation, movement or rest in space, besides the movement implied in nutrition and decay or growth. [...] for living creatures existence is life]

    Aristotle (c. 340 BC). De anima, 412a13-16; 413a22-25; 415b13. (transl. by W.S. Hett).

    1266-73

    vivere dicitur esse viventium ex eo quod viventia per hoc quod habent esse per suam formam, tali modo operantur

    [life is said to be the existence of living things because they act as they do by reason of having their existence through their form.]

    Thomas Aquinas (1266-73). Summa theologiae: ST II-II, 179, a, ad 1m (Engl. transl. by J. Aumann, 1966).

    1845

    Leben ist ein Begriff, dessen Bestimmung die Philosophen, die ihn durch Speculation, und diePhysiologen, die ihn durch praktische Naturforschung zu ergründen suchten, von den ältesten Zeiten an vielfach beschäftigt hat. In seiner ersten Bedeutung bezeichnet es soviel als Lebenskraft, Lebensprincip, dasjenige Wirkende, welches die Ursache von Dem ist, was wir in der zweiten Bedeutung Leben nennen, nämlich die Äußerung der Lebenskraft, das Dasein und die Thätigkeit eines organischen Wesens.

    Anonymous (1845). [Brockhaus] Conversations-Lexikon, 9th ed. 

    1932

    Leben […] die Daseinsweise der Organismen (Lebewesen) im Gegensatz zur unbelebten Stoffwelt einerseits und den Seelen oder Bewußtseinen andererseits

    Anonymous (1932). Der Große Brockhaus, 15th ed.

    1940

    Das organische Gefüge ist […] in noch ganz anderem Maße ein Prozeßgefüge, als selbst die „flüssigsten“ dynamischen es sind; und das entspricht seiner Seinsform, die wir Leben nennen.

    Hartmann, N. (1940). Der Aufbau der realen Welt, Grundriß der allgemeinen Kategorienlehre: 336.

    1955

    Leben […] vieldeutiger Urbegriff, mit dem der Mensch versucht, seine Daseinsform zu umschreiben, die er einerseits mit allen Organismen teilt, die andererseits durch seelische, geistige und kulutrelle Sonderentfaltung gekennzeichnet ist

    Anonymous (1955). Der Große Brockhaus, 16th ed.

    1970

    Leben, die Seinsform der Organismen

    Anonymous (1970). Der Große Brockhaus, 17th ed. (also in the 18th ed. 1979)

    1990

    Leben […] die Seinsform von Lebewesen

    Anonymous (1990). Brockhaus 19th ed.

    1999

    für das Wort „Leben“ [kommen] die folgenden 4 Definitionen in Frage: 1) die Eigenschaft bestimmter materieller Systeme, lebendig zu sein (belebter versus unbelebter Gegenstand, Leben als Systemeigenschaft; System); 2) das monophyletische Taxon, das aus der ersten Art von Lebewesen auf unserer Erde und all ihren Folgearten besteht; 3) die Menge aller lebenden Systeme im gesamten Universum (Leben als Systemebene oder ontische Schicht); 4) die Geschichte eines lebenden Systems von seinem Anfang bis zu seinem Tod (das Leben eines Organismus’).

    Osche, G. & Mahner, M. (1999). Leben. In: Lexikon der Biologie.

    2006

    Leben, die Seinsform von Lebewesen (lat. vivere est viventibus esse), nach der klass., auf die Antike zurückgehenden Definition. Die heutigen Naturwissenschaften verzichten vielfach auf eine derartige Definition aufgrund ihrer metaphys. Implikationen, jedoch ist es ihnen bislang unmöglich, für das Phänomen L. eine physikalisch-chem. Definition zu geben. Möglich ist jedoch, strukturelle und dynam. Merkmale des Lebendigen zu beschreiben. Trotz aller Verschiedenheiten verbindet alle Lebewesen eine Reihe grundlegender Eigenschaften. Zu diesen Gemeinsamkeiten zählen die Notwendigkeit des Stoffwechsels (Metabolismus), die Fähigkeit zur Vermehrung (Reproduktion) und die Möglichkeit der Veränderung des Erbguts (Mutationsfähigkeit). L. ist immer mit Individualisierung verbunden, d.h., lebende Organismen sind immer von der Umwelt abgegrenzte Gebilde, deren kleinste Einheit die Zelle ist

    Anonymous (2006). Leben. In: Brockhaus. Enzyklopädie in 30 Bänden, 21st ed., vol. 16, 467-471: 467.

  • 2) A material state of being devoid of any value in itself.
    life
    c. -380 (BC)

    ρα μὴ ἄλλο τι τγενναον κατὸ ἀγαθν ᾖ ἢ τσζειν τε κασζεσθαι. μγρ τοτο μέν, τζν ποσονδχρόνον [if the noble and the good are not something different from saving and being saved. For as to living any particular length of time, this is surely a thing that any true man should ignore, and not set his heart on mere life]

    Plato (c. 380 BC). Gorgias 512d-e [transl. by W.R.M. Lamb 1967].

    1793

    [bestände die Welt aus lauter leblosen, oder zwar zum Theil aus lebenden, aber vernunftlosen Wesen, so würde das Dasein einer solchen Welt gar keinen Werth haben, weil in ihr kein Wesen existirte, das von einem Werthe den mindesten Begriff hat

    Kant, I. (1790/93). Kritik der Urteilskraft (AA, vol. 5, 165-485: 448-5).]

    1911

    [Es] kann doch erst der, der die bloße Lebendigkeit in diesem oder jenem Sinne zurückzudrängen vermag, ein Kulturmensch genannt werden, und erst dort gibt es Kulturgüter, wo Gebilde vorhanden sind, die zur bloßen Lebendigkeit in einer Art von Gegensatz stehen. Man muß, mit anderen Worten, das Leben bis zu einem gewissen Grade ›töten‹, um zu Gütern mit Eigenwerten zu kommen [...]

    Das bloße Leben bleibt stets Bedingungsgut und kann Wert nur erhalten als Voraussetzung der Verwirklichung von anderen Gütern, deren Werte um ihrer selbst willen gelten. Nicht etwa steht die Kultur im Dienste des Lebens, sondern es darf nur das Leben im Dienst der Kultur stehen. Und nicht darauf, ob die Kultur mehr oder weniger ›lebendig‹ ist, sondern allein darauf kommt es an, welche Werte durch ihre Lebendigkeit verwirklicht werden. Die Lebendigkeit selbst kann nie etwas anderes als Mittel sein, und ihr Wert hängt daher allein vom Wert der Zwecke ab, denen sie dient

    Rickert, H. (1911). Lebenswerte und Kulturwerte (Philosophische Aufsätze, ed. R.A. Bast, Tübingen 1999, 37-72): 60; 72.

    1911

    Life, the popular name for the activity peculiar to protoplasm (q.v.). This conception has been extended by analogy to phenomena different in kind, such as the activities of masses of water or of air, or of machinery, or by another analogy, to the duration of a composite structure, and by imagination to real or supposed phenomena such as the manifestations of incorporeal entities. From the point of view of exact science life is associated with matter, is displayed only by living bodies, by all living bodies, and is what distinguishes living bodies from bodies that are not alive. Herbert Spencer’s formula that life is “the continuous adjustment of internal relations to external relations” was the result of a profound and subtle analysis, but omits the fundamental consideration that we know life only as a quality of and in association with living matter.

    Anonymus (1911). Life. In: Encyclopaedia Britannica, 11th ed., vol. 16: 600. 

    1916-17

    daß die Kunst, allgemein: die Idee, ihren Sinn und ihr Recht gerade daraus zieht, daß sie das Andere des Lebens ist, die Erlösung aus seiner Praxis, seiner Zufälligkeit, seinem zeitlichen Verfließen, seiner endlosen Verkettung von Zwecken und Mitteln

    Simmel, G. (1916-17). Vorformen der Idee. Aus den Studien zu eine Metaphysik (Gesamtausgabe, vol. 13, Frankfurt/M. 2000, 252-298): 289.

    1921

    So heilig der Mensch ist […], so wenig ist es sein leibliches, durch Mitmenschen verletzliches Leben

    Benjamin, W. (1921). Zur Kritik der Gewalt. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47, 809-832: 831.

    1922

    [Es gilt,] daß das Leben als solches noch nicht als Gut gelten kann. Es bedeutet gar nichts, wenn ich bloß lebendig bin. Der Wert meines Lebens hängt allein von der Art meines Lebens oder von der Besonderheit meiner Erlebnisse ab

    Rickert, H. (1920/22). Die Philosophie des Lebens: 129.

    1949

    Heiliger noch als das Leben muß uns die Würde des Menschen sein

    Jünger, E. (1949). Strahlungen (München 1988, 2 vol.): I, 275.

  • 3) A form of existence associated with values, especially the eternal life of Christian belief.
    life Open Slideshow image #2 image #3
    c. -350 (BC)

    τ δ ζν τνκαθ’ ατγαθν καδέων [life is among the things that are good and pleasant in themselves]

    Aristotle (c. 350 BC). Ethica Nicomachea 1170a19-20 [transl. by W.D. Ross].

    -44 (BC)

    principio qui potest esse vita ‘vitalis’ ut ait Ennius, quae non in amici mutua benivolentia conquiescit?

    Cicero (44 BC). Laelius de amicitia (ed. K. Simbek, Leipzig 1917): 54 (par. 22).

    c. 80

    ερν τν ψυχν ατοπολσει ατν, καπολσας τν ψυχν ατονεκεν μο ερσει ατν. [Whoever finds his life will lose it, and whoever loses his life for my sake will find it.]

    Matthew (c. 80 AD). 10, 39 [English Standard Version].

    c. 100

    ν ρχν λγος, κα λγος ν πρς τν θεν, κα θες ν λγος. οτος ν ν ρχ πρς τν θεν. πντα δι’ ατογνετο, κα χωρς ατογνετο οδν. γγονεν ν ατ ζων, κα ζων τ φς τν νθρπων. [In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God. He was in the beginning with God. All things were made through him, and without him was not any thing made that was made. In him was life, and the life was the light of men.]

    John (c. 100 AD) 1, 1-4 [Englisch Standard Version].

    c. 300

    τοζ ν παρμντυγχν οντος τ θε. [Leben im eigentlichen Sinne nur im Zusammenhang mit Gott allein]

    Origin (c. 300 AD). Commentarii in evangelium Joannis (ed. Preuschen, Leipzig 1903, p. 74, l. 30-1): II, 17, 123.

    c. 400

    cum ergo in isto psalmo, et uita uetus et uita noua, et uita mortalis et uita uitalis, et anni qui pro nihilo habentur et dies habentes plenitudinem misericordiae uerae que laetitiae

    Augustinus Hipponensis (c. 400 AD). Enarrationes in Psalmos (ed. E. Dekkers & J. Fraipont, 1956, SL 39) psalmus 89, par. 17.

    c. 400

    ὄντως ζωὴ καὶ ἀληθῶς [allein Gott ist das wirkliche und wahrhaftige Leben]

    Cyril of Jerusalem (c. 400 AD). Hiersolymorum archiepiscopi opera (ed. J. Rupp, München 1860, vol. 2): 332 (XVIII, 29).

    c. 470

    Νν δμνητέον μν τν «ζων τν αώνιον», ξ ς ατοζω κα πσα ζω καφ’ ς ες πάντα τπωσον ζως μετέχοντα τ ζνο κείως κάστ διασπείρεται. Κα γον τν θανάτων γγέλων ζω καθανασία κα τνώλεθρον ατ τς γγελικς εικινησίας ξ ατς κα δι’ ατν καστι καφέστηκε, δι’ ν κα ζντες ε καθάνατοι λέγονται κα οκ θάνατοι πάλιν, τι μ παρ’ αυτν χουσι τθανάτως εναι κα αωνίως ζν, λλ’ κ τς ζωοποιο κα πάσης ζως ποιητικς κα συνοχικς ατίας. Κασπερ π τοντος λέγομεν, τι κα το ατοεναί στιν αών, οτω κανθάδε πάλιν, τι κα τς ατοζως στιν θεία ζω ζωτικκαποστατικ κα πσα ζω κα ζωτικ κίνησις κ τς ζως τς πρπσαν ζων κα πσαν ρχν πάσης ζως. ξ ατς κα α ψυχα τὸ ἀνώλεθρον χουσι, κα ζα πάντα κα φυτ κατ’ σχατον πήχημα τς ζως χουσι τ ζν. [Now let us sing the Eternal Life, from which comes the self-existing Life, and every life; and from which, to all things however partaking of life, is distributed the power to live appropriately to each. Certainly the life; and the immortality of the immortal Angels, and the very indestructibility of the angelic perpetual motion, both is, and is sustained from It, and by reason of It. Wherefore, they are also called living always and immortal; and again, not immortal, because not from themselves have they their immortality and eternal life; but from the vivifying Cause forming and sustaining all life; and as we said of Him, Who is, that He is Age even of the self-existing Being, so also here again (we say) that the Divine Life, which is above life, is life-giving and sustaining even of the self-existing Life; and every life and life-giving movement is from the Life which is above every life, and all source of all life. From It, even the souls have their indestructibility, and all living creatures, and plants in their most remote echo of life, have their power to live.]

    Pseudo-Dionysius Areopagita (c. 470 AD). De diuinis nominibus VI, 1 [transl. by J. Parker, 1897].

    c. 635

    Qui uitam longam quaeris, ad eam tende uitam pro qua christianus es, id est aeternam, non ad istam de qua ad eruendum te descendit uita aeterna, id est Christus Verbum caro coniunctus.Haec est enim uita uitalis, nostra ista uita mortalis est.

    Isidorus Hispalensis (c. 635 AD). Sententiae (CPL 1199) 327 (lib. 3, cap. 61, sent. 5).

    c. 750

    Vita uitalis et rationabilis <ut homo; uitia uitalis et sensibilis,> ut pecus; uita non uitalis nec rationabilis, ut lignum.

    Anonymus (c. 750 AD). Prebiarum de multorum exemplaribus (R.E. McNally, 1973) linea 60.

    c. 860

    per se ipsam uita est diuina uita, uitalis et substantialis, et omnis uita et uitalis motus ex uita ipsa, quae est super omnem uitam et omne principium totius uitae.

    Iohannes Scotus seu Eriugena (c. 860 AD). Periphyseon (ed. E.A. Jeauneau, 2003, CM 165): 78 (lib. 5).

    1140

    vita mortalis [...] vita immortalis [...] vita vivens

    Hugh of Saint Victor (c. 1140). De sacramentis Christianae fidei (Patrologia Latina, vol. 176, 173-618): 263 (VI, 1); 334 (X, 5).

    1150

    Aeterna vita est vitalis, ista est mortalis.

    Bernard of Clairvaux (c. 1150). De brevitate vitae. In: Liber de modo bene vivendi LXIX (Patrologia Latina, vol. 184, Paris 1854, 1199-1306): 1301; cf. Sermo XVII (Patrologia Latina, vol. 183, 249-254): 250.

    c. 1190

    zwei leben aciuam et contemplatiuam, daß ist daz geistliche vnde daz weltliche    

    Anonymus (c. 1190). Der deutsche Lucidarius (Kritischer Text nach den Handschriften, ed. by Gottschall, Dagmar & Steer, Georg, vol. 1, Tübingen 1994): 88-9 (II, 35).    

    c. 1300

    Solus deus, utpote finis ultimus et movens primum, vivit et vita est [Gott allein, das letzte Ziel und das erste Bewegende, lebt und ist das Leben]

    Meister Eckhart, Expositio Sancti Evangelii secundum Iohannem (Lateinische Werke, vol. 3, Stuttgart 1994): 51; cf. Hübner, J. (1990). Leben, historisch/systematisch. In: Theologische Realenzyklopädie, vol. 20, 530-561: 531-2.

    1796
    Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst

    Goethe, J.W. von [1796]. [letter to H.J. Meyer on February 8th, 1796]. In: WA, sect. IV., vol. 11, p. 22; the same sentence 1906 in E. Key, acc. to: Hennig, J. (1933). Lebensbegriff und Lebenskategorien. Studien zur Geschichte und Theorie der geisteswissenschaftlichen Begriffsbildung mit besonderer Berücksichtigung Wilhelm Diltheys: 107.

    1855

    Das Leben lebt nicht!

    Kürnberger, F. (1855). Der Amerika-Müde. Amerikanisches Kulturbild: 372; cf. Adorno, T.W. (1951). Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Frankfurt/M. 1986): 13.

    1873-76

    das Leben ist die höhere, die herrschende Gewalt [...] Das Erkennen setzt das Leben voraus

    Nietzsche, F. (1873-76). Unzeitgemäße Betrachtungen (KSA, vol. 1, 157-510): 330-1.

    1885-87

    Man muß die Moral vernichten, um das Leben zu befreien

    Nietzsche, F. (1885-87). Nachgelassene Fragmente (KSA, vol. 12): 274.

    1906
    das Leben [wird] selbst zum Zweck des Lebens
    Simmel, G. (1906). Schopenhauer und Nietzsche (Gesamtausgabe, vol. 8, Frankfurt/M. 1993, 58-68): 61.
    1922
    Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst

    Anonymous. (1922). Der Türmer 25, 722; also: Mutius, G. von (1922). Gedanke und Erlebnis. Umriss einer Philosophie des Wertes: 246; H. Königsdorf nach Fischbeck, H.-J. (2000). Zum Wesen des Lebens. Eine physikalische, aber nicht reduktionistische Betrachtung. In: Dürr, H.-P., Popp, F.-A. & Schommers, W. (eds.). Elemente des Lebens. Naturwissenschaftliche Zugänge – philosophische Positionen, 255-278: 262.

    1923

    Ehrfurcht vor dem Leben [...] daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen

    Schweitzer, A. (1923). Kultur und Ethik (München 1960): 331.

    1926/49

    Eigenwert des Lebens

    Hartmann, N. (1926/49). Ethik: 254.

  • 4) A dynamic process transcending the existence of individuals.
    life
    c. -50 (BC)

    augescunt aliae gentes, aliae minuuntur,/ inque brevi spatio mutantur saecla animantum/ et quasi cursores vitai lampada tradunt [like runners, they pass on the torch of life; wie Läufer wechseln sie aus die Fackel des Lebens]

    Lucretius (c. 50 BC), De rerum natura II, 79.

    1526-27

    corpus enim creatura est at non vita [Der Körper ist ein Lebewesen, aber nicht das Leben]

    Paracelsus (1526-27). De vita longa (Paracelsus. Sämtliche Werke, transl. B. Ascher, vol. 3, Jena 1930, 120-168): 122 (Sämtliche Werke, sect. I., vol. 3, München 1930, 247-292: 250).

    1904

    Das Leben beginnt nie von neuem, soweit wir sehen, wenn wir von einer vielleicht noch stattfindenden, aber uns unbekannten Urzeugung niederster Lebensformen absehen; das Leben ist kontinuierlich und besteht in unendlichen Reihen von Lebewesen, zwischen welchen es niemals unterbrochen war, sondern einen kontinuierlichen Strom darstellt, dessen größere und kleinere Wellen die einzelnen Arten und Individuen sind.

    Weismann, A. (1902/04). Vorträge über Deszendenztheorie, vol. 1: 266.

    1907

    La vie en générale est la mobilité même […] l’être vivant est surtout un lieu de passage, et […] l’essentiel de la vie tient dans le mouvement qui le transmet.

    Bergson, H. (1907). L’évolution créatrice (Paris 1948): 128f.

    1913

    das Leben ist ein Strom, dessen Tropfen die Wesen sind, er geht nicht durch sie hindurch, sondern ihre Existenz ist ganz und gar nur sein Fließen

    Simmel, G. (1913). Das individuelle Gesetz (in: Das individuelle Gesetz, ed. Landmann, Frankfurt/M. 1987, 174-230): 205.

    1923

    The living being travels through inorganic matter as a wave travels across the sea – Life is the moving form of this matter that it adopts and rejects at every moment of its journey. The motto of life is: At the expense of –. Whirl-form. Life changes one individual for another as a moving object changes surroundings, as a traveller changes trains

    Das Leben wechselt das Individuum, wie ein bewegter Gegenstand die Umgebung wechselt, wie ein Reisender den Wagen

    Valéry, P. (1923). Fragment. In: Bios, engl. transl.: Stimpson, B. (ed.). Cahiers = Notebooks, vol. 4. Frankfurt/M. 2010, 129-174: 140; germ. Cahiers/Hefte/notebook, vol. 5, Stuttgart 1992, 231-293: 243.

    1932-33

    The existence of every living being is opposed to life, and life is opposed to individual existence – which it produces in order to be and takes back in order to be

    Das Dasein jedes Lebewesens ist gegen das Leben gerichtet, und das Leben gegen die individuelle Existenz – die es hervorbringt, um zu sein, und wieder abberuft, um zu sein –, wobei es gleichzeitig das unbedingte, erbitterte Festhalten und Bewahren dessen mit hervorbringt, was bloß Durchgang sein kann – den Glauben an den unbegrenzten /individuellen/ Wert dessen, was nur ein statistisches Element sein kann. Das Individuum muß über die Maßen an dem hängen, was es unter allen Umständen verlieren muß – und es muß sich für einmalig und wesentlich halten, um seine statistische, seine unterschiedslose und fungible Rolle vollständig zu erfüllen

    Valéry, P. (1932-33). Fragment. In: Bios, engl. transl.: Stimpson, B. (ed.). Cahiers = Notebooks, vol. 4. Frankfurt/M. 2010, 129-174: 158; germ. Cahiers/Hefte/notebooks, vol. 5, Stuttgart 1992: 269.

    1950

    alle Erhaltung ist Stillstand, alles Leben aber ist im Grunde Bewegung, Prozeß, Anderswerden, Formbildung, Aufstieg; es ist ein Irrtum, das Wesen des Lebens in der Erhaltung zu suchen. Erhaltung ist auf allen Stufen nur ein Moment in der Struktur des Prozesses. [...] was auf der höchsten Stufe sich ›erhält‹, ist gerade das kategoriale Gegenstück eigentlicher Erhaltung, die permanente Veränderung

    Hartmann, N. (1950). Philosophie der Natur: 675.

    1964

    Das Leben ändert sich in ständigem Fluß

    Kuhn-Schnyder, E. (1964). Das Leben im Strom der Zeit. In: Meyer, R.W. (ed.). Das Zeitproblem im 20. Jahrhundert, 213-246: 213.

    1968

    In jeder Ahnenreihe eines Lebewesens wird die Kontinuität durch einen […] «Lebensfaden» sichergestellt, und alle zu einer Spezies gehörigen «Lebensfäden» führen – zum Teil miteinander durch verwandtschaftliche Beziehungen vernetzt – ohne Unterbrechung auf anders gestaltete Stammformen zurück, die ihrerseits von anderen Arten abstammen bzw. abgezweigt sind. [..] so kann also gefolgert werden, daß alle Lebensfäden letztlich Abzweigungen eines gemeinsamen großen Lebensstromes sind, dem alle Pflanzen, Tiere und Menschen der Vergangenheit wie der Gegenwart angehören.

    Rensch, B. (1968). Biophilosophie auf erkenntnistheoretischer Grundlage: 42.

    1983

    Das Wichtigste [am Leben] ist der gebändigte, aber unaufhörliche Wandel in der Vermehrung. Leben ist neuerungssüchtig, da es sich nur durch Wandel einer sich ständig wandelnden Welt anpassen kann.

    Markl, H. (1983). Wie unfrei ist der Mensch? In: id. (ed.). Natur und Geschichte, 11-50: 47.

    1989

    Life is a copiously branching bush, continually pruned by the grim reaper of extinction, not a ladder of predictable progress.

    Gould, S.J. (1989). Wonderful Life: 35.

    1995

    Life doesn’t begint at some specific moment each generation (as a legal reading of the abortion/choice debate might lead you to think). Rather, it originated once, and has since been passed on from parents to offspring throughout the eons.

    Michod, R.E. (1995). Eros and Evolution. A Natural Philosophy of Sex: 10.

  • 5) The animate existence of an individual living person, animal, etc., viewed with regard to its duration; the period from birth to death, from birth to a particular time, or from a particular time to death. (OED 2013)
    life
    c. 120

    Proposita vitae eius velut summa, partes singillatim neque per tempora sed per species exsequar, quo distinctius demonstrari cognoscique possint. [Having given as it were a summary of his life, I shall now take up its various phases one by one, not in chronological order, but by classes, to make the account clearer and more intelligible.]

    Sueton (c. 120). Divus Augustus: 9 (transl. by J. C. Rolfe, 1913-14).

    1986

    Being alive, in the biological sense, is relatively unimportant. One’s life, by contrast, is immensely important; it is the sum of one’s aspirations, decisions, activities, projects, and human relationships. […] In deciding questions of life and death, the crucial question is: Is a life, in the biographical sense, being destroyed or otherwise adversely affected?

    Rachels, J. (1986). The End of Life. Euthanasia and Morality: 5. 

  • 6) The sum and unity of the characteristic activities of living beings.
    life
    c. 200

    ζωὴ γάρ ἐστιν ἡ δἰ αὑτοῦ τροφή τε καὶ αὔξησις [Das Leben ist die Ernährung und das Wachstum von etwas durch sich selbst]

    Alexander of Aphrodisias (c. 200). De anima (= Supplementum Aristotelicum Vol. II, Pars I), Berlin 1887: 118.

    1737

    Leben, Vita, Vie, wird alles, was eine Würckung und Bewegung spühren lässet, genennet, obgleich dasselbe nach dem Unterscheide derer Dinge, an denen es sich befindet, mercklich unterschieden ist. Das Leben eines Cörpers bestehet in seiner stetigen Bewegung. Es muß aber in Cörper, der des Lebens fähig seyn soll, aus vielen und mancherley Theilen bestehen, die auf eine wundersamme Weise zusammen gesetzet ein Ganzes machen, und in demselben ein gewisses Maß mit seinem Umlauffe durch alle dessen Theile eine Wärme und Bewegung verursachen, wodurch der Cörper tüchtig wird, die Lebens-Kräfte zu äussern, welche in der Nahrung, Wachsthume und Fortpflanzung bestehen

    Zedler, J.H. (1737). Leben. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, vol. 16, Sp. 1261-1265: 1261.

    1739

    [Vita] Collectio omnium actionum, quae ex fabrica corporis humani oriuntur [Leben ist die Summe aller Tätigkeiten, die aus der Maschine des menschlichen Körpers hervorgehen]

    Boerhaave, H. (1739). Praelectiones academicae, vol. 1: 72 (§32).

    1745

    Unter dem Leben verstehen wir diejenige Fähigkeit einer Substanz, vermöge welcher sie aus einem innerlichen Grunde auf mannigfaltig Art thätig seyn kan

    Crusius, C.A. (1745). Entwurf der nothwendigen Vernunft-Wahrheiten, wiefern sie den zufälligen entgegengesetzet werden: 896 (§458).

    1749

    la vie de l’animal ou du végétal ne paroît être que le résultat de toutes les actions, de toutes les petites vies particulières (s’il m’est permis de m’exprimer ainsi) de chacune de ces molécules actives

    Buffon, G.L.L. (1749). Histoire naturelle générale et particulière, vol. 2: 340 (ch. 10).

    1786

    Vie, s.f. Vita, État particulier à une grande classe de corps dans lesquels, par des mouvement propre, inhérents et spontanés, les organes croissent dans toutes les dimensions à la fois, se nourissent et se reproduisent. Je distingue neuf caracteres qui sont particuliers aux corps vivants. [la digestion, la nutrition, la circulation, la respiration, les secrétions, l’ossification, la génération, l’irritabilité, la sensibilité; ibid. 15] Il suffit de reconnaître un de ces caracteres dans une substance pour qu’on doive la regarder comme jouissant de la vie. Les végétaux et les animaux sont des corps vivants

    Vicq-d’Azyr, F. (1786). Traité d’anatomie et de physiologie, vol. 1: 6; 122.

    1800

    La vie est l’ensemble des fonctions qui résistent à la mort.

    Bichat, X. (1800). Recherches physiologiques sur la vie et la mort (Genève 1962): 43.

    1842

    Unter Leben verstehen wir die Gesammtheit der dem Organismus eignen Thätigkeiten

    Burdach, K.F. (1842). Blicke ins Leben, vol. I. Comparative Psychologie, pt. 1: 27; cf. id. (1800). Propädeutik zum Studium der gesammten Heilkunst: 10 (§24).

    1854-62

    Dire de la vie qu’elle est la faculté de se mouvoir, de se reproduire et, pour une partie des êtres vivants, de sentir, ou encore, d’un être organisé, qu’il naît, croît, se reproduit et meurt, c’est énumérer, ce n’est pas définir. Toute définition est une synthèse, et il n’y a ici qu’une analyse de la vie

    Geoffroy Saint Hilaire, I. (1854-62). Histoire naturelle générale des règnes organiques, 3 vols.: II, 68.

    1866

    Der Ausdruck ›Leben‹ ist [...] nichts Anderes, als eine Collektivbezeichnung für eine Summe von complicirteren Bewegungs-Erscheinungen der Materie, welche nur den Organismen eigen sind, und den Anorganen allgemein fehlen.

    Haeckel, E. (1866). Generelle Morphologie der Organismen, 2 vols.: I, 141-2.

    1909

    Life is just one damned thing after another!

    Bell, L. (1909). The Concentrations of Bee: 241.

    1915

    nur eine funktionelle Definition des Lebens ist zurzeit möglich

    Roux, W. (1915). Das Wesen des Lebens. In: Chun, C. & Johannsen, W. (eds.). Die Kultur der Gegenwart, pt. 3, sect. 4, vol. 1. Allgemeine Biologie, 173-187: 175.

    1940

    Erst wenn ein kleiner Gegenstand, der sich ernährt, wächst, sich fortpflanzt und eventuell bewegt, nicht ohne weiteres herstellbar ist und eine gewisse zentralisierte Komplikation der Struktur aufweist, wollen wir von Leben sprechen

    Dingler, H. (1940). Ist die Entwicklung der Lebewesen eine Idee oder eine Tatsache? Der Biologe 9, 222-232: 229.

    1967

    Life is not characterized by any special properties but by a definite, specific combination of these properties

    Oparin, A.I. (1967). The Origin of Life. In: Bernal, J.D. The Origin of Life, 199-234: 217.

    1982

    Attempts have been made again and again to define “life.” These endeavors are rather futile since it is now quite clear that there is no special substance, object, or force that can be identified with life. The process of living, however, can be defined. There is no doubt that living organisms possess certain attributes that are not or not in the same manner found in inanimate objects.

    Mayr, E. (1982). The Growth of Biological Thought: 53.

    2002

    Leben ist […] keine Eigenschaft eines raum-zeitlichen Gebildes, sondern selbst ein raum-zeitlich erstreckter Prozess. Der geeignete materielle Körper mit seiner Beschaffenheit ist dabei die wichtigste kausale Ermöglichungsbedingung für das Stattfinden dieses Lebensprozesses. Umgekeht kann man sagen, dass dieser Lebensprozss in der Aktualisierung der Eigenschaften und Fähigkeiten eines solchen materiellen Körpers realisiert ist.

    Quante, M. (2002). Personales Leben und menschlicher Tod. Personale Identität als Prinzip der biomedizinischen Ethik: 64-5.

  • 7) The principle of self-movement and activity by itself of a substance.
    life
    1128

    Est enim in quolibet corpore vita, internus ac naturalis motus, vigens tantum intrinsecus.
    [Denn in jedem Körper ist das Leben eine innere und der Natur entsprechende Bewegung, die nur innerhalb des Körpers besteht.]

    Bernard of Clairvaux (1127/28). De gratia et libero arbitrio (Sämtliche Werke, vol. 1, Innsbruck 1990, ed. by G.B. Winkler, transl. by B. Kohout-Berghammer): 176.

    c. 1260

    Quid sit vita secundum definitionem, dicit beatus Bernardus in libro de liber arbit. Vita est internus & naturalis motus, tantum vigens intrinsecus.

    Vincent of Beauvais (c. 1260). Speculum naturale (Douai 1624): 1717-8 (XXIV, xii).

    1266-73

    Primo autem dicimus animal vivere, quando incipit ex se motum habere; et tandiu iudicatur animal vivere, quandiu talis motus in eo apparet [Zuerst […] sagen wir von einem Tier, es lebt, wenn es beginnt, sich selbst zu bewegen, und so lange erachtet man ein Tier als lebendig, solange bei ihm eine solche Bewegung sichtbar ist ]

    Thomas von Aquin (1266-73). Summa theologiae (Vollständige, ungekürzte deutsch-lateinische Ausgabe der Summa Theologica, ed. Katholischen Akademikerverband, vol. 2, Salzburg 1934): 119-20 (I, qu. 18, art. 1).

    1764

    We have, I think, no Criterion or sensible Proof whereby to distinguish Life but Motion

    Baker, H. (1764). Employment for the Microscope: 256.

    1765

    [L]a vie est proprement cette disposition de l’économie animale, dans laquelle subsiste le mouvement des organs nécessaries pour la circulation du sang & pour la respiration

    Menuret, J.J. (1765). Maladie. In: Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, vol. 9, 929-940: 930.

    1766

    alles Leben beruht auf dem inneren Vermögen, sich selbst nach Willkür zu bestimmen.

    Kant, I. (1766). Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik (AA II, 315-373): 327.

    c. 1774

    das Leben ist das Vermögen der Selbstthätigkeit

    Kant, I. [c. 1774]. Vorlesung zur Moralphilosophie [Manuscript J.F. Kaehler], ed. W. Stark, Berlin 2004: 234.

    1786

    Leben heißt das Vermögen einer Substanz, sich aus einem inneren Princip zum Handeln, einer endlichen Substanz, sich zur Veränderung, und einer materiellen Substanz, sich zur Bewegung oder Ruhe als Veränderung ihres Zustandes zu bestimmen.

    Kant, I. (1786). Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (AA, vol. IV, 465-565): 544.

    1788

    Leben ist das Vermögen eines Wesens, nach Gesetzen des Begehrungsvermögens zu handeln. Das Begehrungsvermögen ist das Vermögen desselben, durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein.

    Kant, I. (1788). Kritik der praktischen Vernunft (AA, vol. V, 1-163): 9.

    1791

    ein Körper ist belebt, heißt, es wohnt ihm ein Vermögen bei, aus einem innern Princip oder sich selbst nach Willkühr zur Bewegung und Ruhe zu bestimmen

    Jakob, L.H. von (1791). Grundriß der Erfahrungs-Seelenlehre: 26 (§37).

    1795

    Das Hauptgesetze des Organismus ist immer Mittel und Zweck zu verbinden, und so ist auch das organische Leben nichts anders, als die beständige Verkettung des passenden Reizes mit der Reizfähigkeit, und eine fortdauernde Kraftäusserung, hervorgebracht durch den Eindruck des natürlichen Reizes auf die Reizfähigkeit.

    Hufeland, C.W. (1795). Ideen über Pathogenie und Einfluss der Lebenskraft auf Entstehung und Form der Krankheiten als Einleitung zu pathologischen Vorlesungen: 104.

    1797

    Je pense […] que la vie, dans les êtres qui en sont doués, n’est autre chose que le mouvement qui résulte, dans les parties de ces êtres, de l’exécution des fonctions de leurs organes essentiels, ou que la possibilité de jouir de ce mouvement, lorsqu’il est suspendu

    Lamarck, J.B. (1797). Mémoires de physique et d’histoire naturelle: 255.

    1809

    Im Allgemeinen heißt leben durch sich selbst thätig seyn, und wir erkennen das Leben aus der Aeußerung einer Thätigkeit

    Augustin, F.L. (1809). Lehrbuch der Physiologie des Menschen, vol. 1. Allgemeine Physiologie und Assimilation: 59.

    1815

    Leben (das), offenbart sich uns durch Daseyn und Thätigkeit, es sezt also einen Körper und das Vermögen desselben, aus eignem Antriebe Bewegungen vorzunehmen, voraus. Der Anblick einer Figur belehrt uns von ihrem Daseyn; aber dann erst, wenn wir Bewegung an ihr sehen, oder solche Zeichen wahrnehmen, von welchen wir auf das Vermögen der Bewegung schließen können, halten wir sie für belebt. Es gibt aber verschiedene Stufen des Lebens.

    Anonymous (1815). [Brockhaus] Conversations-Lexikon, 2nd ed. (similar from 3rd ed. 1819 to 8th ed. 1835). 

    1866

    Leben ist das Princip der Thätigkeit in allen mit innerer Selbsterregung oder Selbstbewegung begabten Wesen

    Anonymous (1866). [Brockhaus] Conversations-Lexikon, 11th ed. (identical in 12th ed. 1878 and 13th ed. 1885).

  • 8) The organized system of interdependent parts and processes within a living being which are the basis of its vital activities.
    life
    c. - 330

    [The constitution of an animal must be regarded as resembling that of a well-governed citystate. For when order is once established in a city there is no need of a special ruler with arbitrary powers to be present at every activity, but each individual performs his own task as he is ordered, and one act succeeds another because of custom. And in the animals the same process goes on because of nature, and because each part of them, since they are so constituted, is naturally suited to perform its own function; so that there is no need of soul in each part, but since it is situated in a central origin of authority over the body, the other parts live by their structural attachment to it and perform their own functions in the course of nature.

    Aristotle (c. 330 BC). De motu animalium 703a-b (Engl. transl. A.L. Peck 1937).]

    1324

    [Nam sicuti animal bene dispositum secundum naturam componitur ex quibusdam proporcionatis partibus invicem ordinatis suaque opera [sibi] mutuo communicantibus et ad totum [Ein lebender Körper ist zusammengesetzt aus bestimmten Teilen, die einander in einem festen Verhältnis zugeordnet sind und ihre Funktionen in wechselseitigem Austausch und in Beziehung auf das Ganze ausüben]

    Marsilius of Padua (1324). Defensor pacis (germ. Der Verteidiger des Friedens, ed. H. Kusch, Berlin 1958): 29 (I, 1, §3).]

    1469

    [Mundi autem huius partes ceu animalis unius membra, omnes ab uno auctore pendentes, unius nature communione invicem copulantur. Ideo sicut in nobis cerebrum, pulmones, cor, iecur et reliqua membra a se invicem trahunt aliquid seque mutuo iuvant et uno illorum aliquo patiente compatiuntur, ita ingentis huius animalis membra, id est, omnia mundi corpora connexa similiter, mutuant invicem naturas et mutuantur. [Die Teile dieser Welt hängen, wie die Gliedmaßen eines Lebewesens, alle von einem Urheber ab und stehen durch die Gemeinschaft ihrer Natur in Zusammenhang. Wie also in uns das Gehirn, die Lunge, das Herz, die Leber und die übrigen Körperteile voneinander etwas empfangen, sich gegenseitig fördern und untereinander in Mitleidenschaft stehen, so hängen die Teile dieses großen Lebewesens, d.h. alle Weltkörper in ihrer Gesamtheit, untereinander zusammen und teilen einander ihr Wesen mit]

    Ficino, M. (1469). De amore (germ. Über die Liebe oder Platons Gastmahl, ed. P.R. Blum, Hamburg 1984): 242-244 (81r-82r).]

    1674-75

    [Un corps organisé contient une infinité de parties quidépendent mutuellement les unes des autres part rapportà des fins particulieres, & qui doivent être toutes actuellementformées pour pouvoir jouer toutes ensemble

    Malebranche, N. (1674-75). De la recherche de la vérité, 2 vols. (Paris 1721): II, 57 (II, 6, 4).]

    1727

    [Erat corpus Organicum ex diversis planè partibus compositum [...] & sic harum partium actiones ab invicem dependent.

    Boerhaave, H. (1727). Historia plantarum: 3 (Prooemium).]

    1764-65

    L’Action réciproque des solides & des fluides, est le fondement de la Vie terrestre

    Bonnet, C. de (1764-65). Contemplation de la nature (Œuvres d’histoire naturelle et de philosophie, vol. 7-9, Neuchâtel 1781): I, 46.

    1768

    [L]ife is no other than a certain combination of organs, which are kept in a perpetual motion by mutually acting upon each other

    Bruckner, J. (1768). A Philosophical Survey of the Animal Creation: 4.

    1772

    La vie est organisation avec capacité de sentir

    Voltaire (1772). Vie. In: Questions sur l’encyclopédie, vol. 9, 55-58: 55.

    1775

    [[L]es fonctions [vitales] liées et enchainées reciproquement,demandent chacune pour leur marche naturelle leconcours de toutes les autres. […] il n’est dans le corpsvivant, aucun effort particulier qui ne soit dù à l’influencede toutes les parties mobiles et sensible

    Bordeu, T. (1775). Recherches sur les maladies chroniques (in: Œuvres complètes, 2 Bde., Paris 1818, II, 797-929): 805-6.]

    1790

    [Les mots organisé & vivant sont, selon moi, des synonimes.

    Girtanner, C. (1790). Mémoires sur l’irritabilité, considérée comme principe de vie dans la nature organisée. Observ. Phys. Hist.-Nat. Arts 37, 139-154: 150.]

    1793

    Zu einem Körper […], der an sich und seiner innern Möglichkeit nach als Naturzweck beurtheilt werden soll, wird erfordert, daß die Theile desselben einander insgesammt ihrer Form sowohl als Verbindung nach wechselseitig und so ein Ganzes aus eigener Causalität hervorbringen […] Leben [kennt man] nicht anders als in organisierten Wesen

    Kant, I. (1790/93). Kritik der Urteilskraft (AA, vol. 5, 165-485): 373; 394.

    1797

    [Belebt nenne ich denjenigen Stoff, dessen willkührlich getrennte Theile, nach der Trennung, unter den vorigen äußeren Verhältnissen ihren Mischungszustand ändern./ Das Gleichgewicht der Elemente in der belebten Materie erhält sich nur so lange und dadurch, daß dieselbe Theil eines Ganzen ist. Ein Organ bestimmt das andere [...] Ein Metall, oder ein Stein kann zertrennt werden, und bleiben dabei die äußeren Bedingungen dieselben, so werden die zertrennten Stücke auch die Mischung beibehalten, welche sie vor der Trennung hatten. Nicht so jedes Atom der belebten Materie

    Humboldt, A. von (1797). Versuche über die gereizte Muskel-und Nervenfaser, 2 vol.: II, 433-4.]

    1797

    [Un être vivant est un corps naturel, organisé, compose de diverses sortes de parties qui agissent et réagissent lesunes sur les autres, sont tenues plus ou moins en mouvement,soit par les suites même de leur action réciproque,soit par uneǀ cause extérieur

    Lamarck, J.B. (1797). Mémoires de physique et d’histoire naturelle: 249-50.]

    1798

    Es ist ein alter Wahn, daß Organisation und Leben aus Naturprincipien unerklärbar seyen. – Soll damit so viel gesagt werden: der erste Ursprung der organischen Natur seye physikalisch unerforschlich, so dient diese unerwiesne Behauptung zu nichts, als den Muth des Untersuchers niederzuschlagen. Es ist wenigstens verstattet, einer dreisten Behauptung eine andre ebenso dreiste entgegen zu setzen, und so kommt die Wissenschaft nicht von der Stelle. Es wäre wenigstens Ein Schritt zu jener Erklärung gethan, wenn man zeigen könnte, daß die Stufenfolge aller organischen Wesen durch allmählige Entwicklung Einer und derselben Organisation sich gebildet habe [...]

    Das Leben ist nicht Eigenschaft oder Product der thierischen Materie, sondern umgekehrt die Materie ist Product des Lebens. Der Organismus ist nicht die Eigenschaft einzelner Naturdinge, sondern umgekehrt, die einzelnen Naturdinge sind eben so viele Beschränkungen oder einzelne Anschauungsweisen des allgemeinen Organismus. [...] Die Dinge sind also nicht Principien des Organismus, sondern umgekehrt, der Organismus ist das Principium der Dinge [...]

    Das Leben aber besteht in einem Kreislauf, in einer Aufeinanderfolge von Processen, die continuirlich in sich selbst zurückkehren.

    Schelling, F.W.J. (1798). Von der Weltseele (AA, vol. I, 6): 68; 189; 237.

    1798

    Toutes ses [viz. the organism’s] parties ont une action réciproque les uns sur les autres, et concourent à un but commun, qui es l’entretien de la vie

    Cuvier, G. (1798). Tableau élémentaire de l’histoire naturelle des animaux: 5.

    c. 1800

    Die Definition eines organischen Körpers ist daß er ein Körper ist dessen jeder Theil um des anderen willen (wechselseitig als Zweck und zugleich als Mittel) da ist. — Man sieht leicht daß dies eine bloße Idee ist der a priori die Realität (d. i. daß es ein solches Ding geben könne) nicht gesichert ist. […] Ein organischer (gegliederter) Korper ist derjenige in welchem jeder Theil mit seiner bewegenden Kraft auf das Ganze auf jeden Theil in seiner Zusammensetzung nothwendig sich bezieht Die productive Kraft dieser Einheit ist das Leben    

    Kant, I. (c. 1800). [Opus postumum]: AA XXI, 210-1.

    1800

    Unter Leben verstehen wir die Reihe von Erscheinungen an einem von seiner Entstehung an, aus mannichfaltigen, vermöge ihrer Zusammensetzung harmonisirenden Theilen bestehenden, und seinen Zweck in sich selbst findenden (also organischen) Körper.

    Burdach, K.F. (1800). Propädeutik zum Studium der gesammten Heilkunst: 10 (§24).

    1800

    Ce mouvement général et commun de toutes les parties est tellement ce qui fait l’essence de la vie, que les parties que l’on sépare d’un corps vivant ne tardent pas à mourir, parce qu’elles n’ont point elles-mêmes de mouvement propre, et ne font que participer au mouvement général que produit leur réunion, en sorte que, selon l’expression de Kant, la raison de la manière d’être de chaque partie d’un corps vivant réside dans l’ensemble, tandis que, dans les corps bruts, chaque partie l’a en elle-même.

    Cuvier, G. (1800). Leçons d’anatomie comparée, vol. 1: 5-6.

    1809

    La vie, dans les parties d’un corps qui la possède, est un ordre et un état de choses qui y permettent les mouvements organiques; et ces mouvements, qui constituent la vie active, résultent de l’action d’une cause stimulante qui les excite.

    Lamarck, J.B. de (1809). Philosophie zoologique, 2 vols.: I, 403.

    1818

    So sollten wir es demnach fest im Auge behalten, dass Leben seinem Wesen nach Wechselwirkung sey, und seine Erscheinung folglich nie als Attribut eines Objects allein, sondern als Product aller der Objecte zu betrachten ist, welche zu dieser Wechselwirkung beitragen.

    Carus, C.G. (1818). Ueber die verschiedenen Begriffsbestimmungen des Lebens. Deutsches Archiv für die Physiologie 4, 47-60: 50-1.

    1822

    Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt

    Goethe, J.W. von (1822). Maximen und Reflexionen (Hamburger Ausgabe, vol. 12, Nr. 227): 396 (also in: Aus den Heften »Zur Morphologie«, Ersten Bandes viertes Heft).

    1847

    life is not one Function, but a System of Functions

    Whewell, W. (1840/47). The Philosophy of the Inductive Sciences, 2 vols.: I, 574.

    1860

    la vie, c’est l’organisation en action

    Broca, P. (1860). Rapport sur la question soumise à la Société de Biologie au sujet de la réviviscence des animaux desséchés. Comp. Rend. Soc. Biol. 3me sér. 2, 1-139: 12; also: Béclard acc. to Bernard, C. (1878-79). Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux, 2 vols.: I, 30.

    1880

    La vie étant un attribut dynamique de la substance organisée n’est par consequent pas une chose isolable de celle-ci […] Le mot vie ne désigne en effet que la manifestation de l’une ou de l’ensemble des propriétés escortant l’état d’organisation.

    Robin, C. (1880). Recherches historiques sur l’origine et le sens des termes organisme et organisation. Journal de l’anatomie et de la physiologie normales et pathologiques de l’homme et des animaux 16, 1-55: 32-3.

    1905

    Das Wesen aller Gestalt ist, ein einheitliches Ganzes zu sein; ein einheitliches Ganzes besteht aus gegenseitig sich bedingenden Teilen; gegenseitig sich bedingende Teile gibt es nur im Leben; nur Leben ist – im wahren Sinne des Wortes – Gestalt.

    Chamberlain, H.S. (1905). Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk (München 1921): 499.

    c. 1910

    Das Leben besteht in der Wechselwirkung der Lebenseinheiten

    Dilthey, W. (c. 1910). Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (Gesammelte Schriften, vol. 7, Stuttgart 1926, 189-291): 228.

    1935

    Leben ist Organisation oder Ordnung von ›elementaren‹ Einheiten zu einer ›ganzheitlichen‹ Übereinheit

    Lehmann, F.M. (1935). Logik und System der Lebenswissenschaften: 54.

    1950

    Das Leben des Organismus ist eben das Ineinandergreifen der organischen Teilprozesse. Es ist nicht, wie man lange Zeit geglaubt hat, ein dahinterstehendes Etwas, ein gesondert von ihnen verlaufender Prozeß der Tiefe, der zu den physiologisch greifbaren Funktionen noch hinzukäme – diese sind ohnehin abgründig und rätselhaft genug –, sondern das zusammengeordnete Funktionieren der auf einander abgestimmten Organprozesse selbst, ihre Einheit und gegenseitige Abhängigkeit

    Hartmann, N. (1950). Philosophie der Natur: 517.

    1972

    An autopoietic machine is a machine organized (defined as a unity) as a network of processes of production (transformation and destruction) of components that produces the components which: (i) through their interactions and transformations continuously regenerate and realize the network of processes (relations) that produced them; and (ii) constitute it (the machine) as a concrete unity in the space in which they (the components) exist by specifying the topological domain of its realization as such a network. It follows that an autopoietic machine continuously generates and specifies its own organization through its operation as a system of production of its own components […] the notion of autopoiesis is necessary and sufficient to characterize the organization of living systems.

    Maturana, H.R. & Varela, F.J. (1972). De máquinas y seres vivos (engl. Autopoiesis and Cognition. The Realization of the Living, Dordrecht 1980 = Boston Studies in the Philosophy of Science, vol. 42): 76-7.

    2002

    although everyone knows what life is there is no simple definition of life. If I were forced to rush in where angels fear to tread, I would offer “a living organism is an organized unit, which can carry out metabolic reactions, defend itself against injury, respond to stimuli, and has the capacity to be at least a partner in reproduction.” But I’m not happy with such a brief definition.

    Koshland, D.E. (2002). The seven pillars of life. Science 295, 2215-2216: 2215.

    2011

    Das Leben ist die Summe und Einheit der Aktivitäten und Fähigkeiten von besonderen organisierten Systemen, den Lebewesen. Weil einige dieser Aktivitäten, insbesondere die Ernährung von Stoffen aus der Umwelt und der Schutz vor Gefahren, für den Bestand der Lebewesen notwendig sind, stellt das Leben eine eigene Weise zu sein dar. Das Leben eines Lebewesens erhält sich nur durch dessen Aktivitäten. Die Kontinuität dieser Aktivitäten, die auch über einen Wechsel der Stoffe und Formen des Körpers hinweg erfolgt, bedingt daher ganz andere Identitätsbedingungen eines Lebewesens als eines anorganischen Körpers. Auf die materielle Grundlage der lebenden Wesen bezogen, bezeichnet der Begriff des Lebens die Struktur und den Zustand von Körpern, die diese Aktivitäten und Fähigkeiten zeigen. Darüber hinaus wird auch die ein Individuum übersteigende Dynamik, die sich aus dem Prozess der Fortpflanzung ergibt und die in der Folge der Generationen besteht, mit dem Begriff des Lebens assoziiert. Insgesamt sind es damit drei Momente, die das Phänomen des Lebens grundlegend charakterisieren: Die dynamische Struktur der lebenden Wesen stellt eine Organisation dar, d.h. eine Gliederung des Systems in Teile (und Prozesse), die sich in ihrer wechselseitigen Herstellung und Erhaltung gegenseitig bedingen. Insofern die in den Lebewesen ablaufenden Prozesse auf die Erhaltung des Ganzen gerichtet sind, ist ihre kausale Struktur daneben durch das Prinzip der Regulation bestimmt. Am nachhaltigsten sichern Lebewesen ihre eigene Organisation durch ihre Fortpflanzung. Diese schließt zugleich die Möglichkeit der Variation, der Entstehung immer wieder neuer Lebensformen ein, die in langfristigen Veränderungen zu einer sukzessiven Komplexitätssteigerung der Formen führen kann. Das dritte allgemeine Prinzip zur Charakterisierung des Lebens lautet daher Evolution.

    Toepfer, G. (2011). Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe, vol. 2: 420.

  • 9) The material basis of the existence of living beings.
    life
    1526-27

    Nichts anderes ist wahrlich das Leben als ein gewisser balsamierender Stoff [mumia balsamita: »Gegengiftmittel« (Sudhoff)], der den sterblichen Körper vor den tödlichen Würmern und vor der Fäulnis beschützt, und der eine flüssige Mischung der Salze enthält.

    Paracelsus (1526-27). De vita longa (Sämtliche Werke sect. U, vol. 3, München 1930, 247-292): 249; cf. Aschner, B. (transl.). Paracelsus. Sämtliche Werke, vol. 3, Jena 1930, 120-168): 122.

    1659

    organizing duly-prepared Matter into life

    More, H. (1659). The Immortality of the Soul (Dordrecht 1987): 46 (book I, ch. VIII, 3).

    1689

    Life be communicated to new Particles of Matter

    Locke, J. (1689). An Essay Concerning Human Understanding (Oxford 1979): 332 (II, XXVII, § 4).

    1708

    Ich verstehe hier unter dem Wort [menschliches] Leben, nichts anders als die Beschaffenheit des Körpers nach seinen festen und flüssigen Theilen, welche da erfordert wird, wenn die Gemeinschaft des Leibes und der Seele [mutuum commercium inter mentem & corpus] auch nur einiger massen dauren soll, oder doch wieder hergestellt werden kann, und nicht ganz und gar aufgehoben werden darf

    Boerhaave, H. (1708). Institutiones medicae (ger. transl. Herman Boerhaavs Phisiologie. Uebersezt und mit Zusätzen vermehrt von J. P. Eberhard, Halle 1754): 43.

    1714

    [C]haque corps organique d’un vivant est une Espèce de Machine divine, ou d’un Automate Naturel, qui surpasse infiniment tous les Automates artificiels. Parce qu’une Machine, faite par l’art de l’homme, n’est pas Machine dans chacune de ses parties […]. Mais les Machines de la Nature, c’est à dire les corps vivans, sont encor des machines dans leur moindres parties jusqu’à l’infini

    Leibniz, G.W. (1714). Les principes de la philosophie ou la monadologie (Philosophische Schriften, vol. 1, Frankfurt/M. 1996, 438-482): 468.

    1749

    le vivant et l’animé […] est une propriété physique de la matière

    Buffon, G.L.L. (1749). Histoire générale des animaux (Œuvres philosophiques, Paris 1954, 233-289): 238.

    1802

    la vie est un phénomène très naturel, un fait physique

    Lamarck, J.B. de (1802). Recherches sur l’organisation des corps vivans: 70.

    1853

    Leben ist ein schwer zu definirender Begriff, obschon vielleicht die meisten Menschen ganz, gut zu wissen glauben, was sie sich darunter zu denken haben. Diejenigen Körper, welche der Naturforscher, insbesondere der Physiolog, lebende oder lebendige nennt, unterscheiden sich von den leblosen oder unbelebten (beziehentlich von den tobten, d. h. lebendig gewesenen) durch folgende Eigenthümlichkeiten ihrer Gestaltung (physikalisch), ihres Stoffs (chemisch) und ihrer Thätigkeit (dynamisch).

    Anonymous (1853). [Brockhaus] Conversations-Lexikon, 10th ed.

    1879

    La vie est une propriété immanente de la matière organisée

    Littré, E. (1879). L’hypothèse de la génération spontanée. La philosophie positive 22, 165-180: 177.

    1924

    Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Nichtsein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit süßschmerzlich- genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde, dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, der organischen, verwesendwesenden Materie selbst, dem riechenden Fleische ...

    Mann, T. (1924). Der Zauberberg, Frankfurt/M. 2002: 418-9.

    1944

    Das Leben scheint ein geordnetes und gesetzmäßiges Verhalten der Materie zu sein, das nicht ausschließlich auf ihrer Tendenz, aus Ordnung in Unordnung überzugehen, beruht, sondern zum Teil auf einer bestehenden Ordnung, die aufrechterhalten bleibt

    Schrödinger, E. (1944). What is Life? The Physical Aspect of the Living Cell (ger. transl. Was ist Leben?, München 1989): 122.

    1968

    Lebewesen sind hierarchisch geordnete, offene Systeme von vorwiegend organischen Verbindungen, die normalerweise als klar umgrenzte, zellig strukturierte Individuen von zeitlich begrenzter Konstanz in Erscheinung treten.

    Rensch, B. (1968). Biophilosophie auf erkenntnistheoretischer Grundlage: 54.

    1975

    Life is that form of matter in which structural complexity is always large; hence, for any observed living object there are potentially an immense number of equivalent objects that will never be realized. And since we cannot know the precise microscopic structure of a living object short of totally dismembering and thus destroying it, we also cannot fully know the future development of the object

    Elsasser, W.M. (1975). The Chief Abstractions of Biology: 129.

  • 10) The state of a material system aiming at self-preservation, or the principle of self-preservation in itself.
    life
    1542

    Est enim animantium vita facultatum actionumque omnium conservatio
    [the life of animals is the preservation of all the faculties and actions]

    Fernel, J. (1542). De naturali parte medicinae libri septem: 105 (V, xv) [Engl. transl. J.M. Forrester 2003]. 

    1708

    Haec ipsa conservatio rei tam corruptibilis, ne ipso actu corrumpatur, est proprie illud, quod sub usitato vitae vocabulo intellegi debet [diese Erhaltung eines zur Verderbnis im höchsten Grade hinneigenden Körpers macht den Begriff des Lebens aus, und in dieser Beziehung unterscheidet sich der lebende Körper von einem blos gemischten]

    Stahl, G.E. (1708). Theoria medica vera (ger. transl. Theorie der Heilkunst, ed. K.W. Ideler, 3 vols., Berlin 1831-32): I, 86 (I, v; also in Theoria medica vera (3 vols., Leipzig 1831-33, vol. 1, 221-491): 229 (I, 1)); cf. Ceglia, F.P. de (2000). Introduzione alla fisiologia di Georg Ernst Stahl: 33.

    1786-87

    The first and most simple idea of life […] is its being the principle of self-preservation.

    Hunter, J. [1786-87]. Lectures on the Principles of Surgery (Works, vol. 1, ed. J.F. Palmer, London 1835, 199-632): 223.

    1802

    Das physische Leben ist [..] ein Zustand, den zufällige Einwirkungen der Aussenwelt hervorbringen und unterhalten, in welchem aber, dieser Zufälligkeit ohngeachtet, dennoch eine Gleichförmigkeit der Erscheinungen herrscht.

    Treviranus, G.R. (1802). Biologie oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aertzte, vol. 1: 23.

    1817

    Das Leben eines Wesens besteht in der Erhaltung seiner selbst, durch Verwandlung seiner selbst und der Außendinge vermittelst Kräfte und Werkzeuge, und nach Gesetzen, welche in demselben liegen

    Mayer, A.C. (1817). Ueber eine neue Begriffsbestimmung (Definition) des Lebens. Deutsches Archiv für die Physiologie 3, 84-104: 104.

    1850

    Das organische Leben ist Thätigkeit zum Zwecke der Selbsterhaltung – d.h. zum Zweck der Erhaltung der Werkzeuge zur Selbsterhaltung und der Ursache ihrer Thätigkeit zur Selbsterhaltung – und diese Thätigkeit zum Zwecke der Selbsterhaltung spricht sich aus 1) durch stete Neubildung beider (der Werkzeuge und der Ursache ihrer Thätigkeit) und 2) durch unausgesetzte Ausscheidung des Untauglichen.

    Schneider, H.G. (1850). Der Mensch. Ein Beitrag zur Selbsterkenntniß-Lehre: 11.

    1894

    Leben, der Zustand eines Körpers, in welchem er unter beständigem Wechsel der Materie seine ihm wesentliche Form für alle Zeit behält (Schopenhauer) oder die Summe aller Erscheinungen, welche wir an gewissen Körpern infolge eines beständigen Wechsels der dieselben aufbauenden Stoffe beobachten. Das Wesentliche für das L. ist demnach der Stoffwechsel (s.d.); ohne Stoffwechsel besteht kein L. und ohne L. ist kein Stoffwechsel denkbar. L. ist Stoffwechsel - muß die einfachste Definition des Begriffs L. lauten.

    Anonymous (1894). Brockhaus’ Konversations-Lexikon, 14th ed.

    1895

    Der Sinn des Lebens ist, das Leben zu erhalten [...] nur nicht für sich allein, sondern zugleich für andere, für alle

    Schrempf, C. (1895). Tolstois Christentum. Die Wahrheit 3, 345-358: 346.

    1900-45

    Ein Lebendes ist ein materielles System, das sich durch Umwandlungen erhält

    Valéry, P. (1900-45). Bios (Cahiers/Hefte/notebook, vol. 5, Stuttgart 1992, 231-293): 262.

    1912

    Lebewesen [...] sind Naturkörper, welche ›mindestens‹ durch eine Summe bestimmter, direkt oder indirekt der ›Selbst‹-Erhaltung dienender Elementarfunktionen [...] sowie durch Selbstregulation [...] in der Ausübung aller dieser Funktionen vor den anorganischen Naturkörpern sich auszeichnen und dadurch trotz der ›Selbstveränderung‹ und durch dieselbe, sowie trotz der zu alledem nötigen komplizierten und weichen Struktur sehr ›dauerfähig‹ werden.

    Roux, W. (ed.) (1912). Terminologie der Entwicklungsmechanik der Tiere und Pflanzen: 241.

    1921

    Das Leben ist die Selbsterhaltung eines Individuums durch die Korrelation seiner Funktionen

    Goette, A. (1921). Die Entwicklungsgeschichte der Tiere: 358.

    1949

    Ein lebender Organismus ist ein Stufenbau offener Systeme, der sich auf Grund seiner Systembedingungen im Wechsel der Bestandteile erhält.

    Bertalanffy, L. von (1949). Das biologische Weltbild, vol. 1. Die Stellung des Lebens in Natur und Wissenschaft: 124.

    1950

    A living organism may be described as a compact physical system of mechanically connected parts whose states and activities are related by an integrated set of directive correlations which, over and above any proximate focal condition, have the continued existence of the system as an ultimate focal condition.

    Sommerhoff, G. (1950). Analytical Biology: 195.

    2001

    [A] living individual is defined within the cybernetic paradigm as a system of inferior negative feedbacks subordinated to a superior positive feedback. The full set of negative feedbacks (regulatory mechanisms), working on different hierarchical levels and representing the cybernetic aspect of the function of a living individual, has the ›purpose‹ of sustaining the identity of the individual. In turn, the only ›purpose‹ of this identity is to reproduce itself in as many copies as possible.

    Korzeniewski, B. (2001). Cybernetic formulation of the definition of life. J. theor. Biol. 209, 275-286: 278.

    2002

    Life is a high-organized form of the intensified resistance to spontaneous processes of destruction developing by means of the expedient interaction with the environment and regular self-renovation

    Kompanichenko, V. (2002). Life as high-organized form of the intensified resistance to destructive processes. In: Palyi, G., Zucchi, C. & Caglioti, L. (eds.). Fundamentals of Life, 111-124: 123.

    2002

    A living entity is the end product of a continuous succession through time of sequences of feedback loops systems based on template-and-sequence-directed catalysed reactions, since emergence from inanimate matter to the very moment of observation

    Lahav, N. & Nir, S. (2002). Life’s definition. In search for the most fundamental common denominators between all living entities through the entire history of life. In: Palyi, G., Zucchi, C. & Caglioti, L. (eds.). Fundamentals of Life, 131-133: 133.

    2007

    Leben ist das Ergebnis einer gelungenen Strategie, hohe Komplexität mit Fortbestehen zu verbinden

    Muraca, B. (2007). Teleologie der Organismen – Grenzbegriff oder ontologische Notwendigkeit? In: Koutroufinis, S.A. (ed.). Prozesse des Lebendigen. Zur Aktualität der Naturphilosophie A. N. Whiteheads, 63-95: 91.

    2010

    A living system is a system capable of self-production and self-maintenance through a regenerative network of processes which takes place within a boundary of its own making and regenerates itself through cognitive or adaptive interactions with the medium

    Damiano, L. & Luisi, P.L. (2010). Towards an autopoietic redefinition of life. Origins of Life and Evolution of Biospheres 40, 145-149: 149.

  • 11) The sum of living beings at a certain place and time.
    life
    1749

    conserver la végétation & la vie sur le globe terrestre

    Buffon, G.L.L. de (1749). Histoire naturelle générale et particulière, vol. 1: 308.

    1777

    le feu central […] est une source de chaleur bienfaisante, qui anime la végétation, qui entretient la vie sur le globe: sans elle, nous n’existerions pas.

    Bailly, J.S. (1777). Lettres sur l’origine des sciences et sur celle des peuples de l’Asie: 270.

    1805

    Luft und Wasser [sind] die mächtigsten Mittel […], deren sich die Natur bedienet um Fruchtbarkeit und Leben auf der Erde zu geben und zu erhalten

    Meyer, C.F. (1805). Anleitung zu einem System zur Kenntniß und Verbesserung der freien technischen wie auch höheren Landwirtschaft, vol. 1: 88-9.

    1808

    alles Leben auf der Erde

    Hagen, T.A. von (1808). Kosmologische Geschichte der Natur: 332.

    1830

    Without death […] there could not have been so much life on earth.

    Fleet, S. (1830). Hostility of animals. The New York Farmer, and Horticultural Repository 3, 201.

    1860

    the author speaks disrespectfully of spontaneous generation, and accepts a supernatural beginning of life on earth

    [Gray, A.] (1860). [Rev. Darwin, C. (1859). On the Origin of Species]. Atlantic Monthly 6 (July-August), 109-116, 229-239: 112.

  • 12) The destructive and exploitative way of existing of living beings.
    life
    c. 50 (BC)

    [alid ex alio reficit natura, nec ullam rem gigni patitur, nisi morte adiuta aliena.

    Lucretius (c. 50 BC). De rerum natura I, 263.]

    1753

    [tout ce qui vit dans la nature vit sur ce qui végète, & les végétaux vivent à leur tour des débris de tout ce qui a vécu & végété: pour vivre il faut détruire, & ce n’est en effet qu’en détruisant des êtres que les animaux peuvent se nourrir & se multplier

    Buffon, G.L.L. (1753). Le bœuf. In: Histoire naturelle générale et particulière, vol. 4 (Œuvres philosophiques, Paris 1954, 358-359): 358.]

    1764

    Voyez ce jeune Lierre [ivy] s’unir étroitement avec ce Chêne majestueux. II en tire sa subsistance, & sa vie dépend de celle de son bienfaiteur. […] Il est entre les Animaux des guerres éternelles, mais les choses ont été combinées si sagement, que la destruction des uns fait la conservation des autres, & que la fécondité des Especes est toujours proportionnelle aux dangers qui menacent les Individus.

    Bonnet, C. de (1764). Contemplation de la nature, vol. 1: 121-2.

    1844

    Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens […] dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehn, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist […] hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen

    Schopenhauer, A. (1844). Die Welt als Wille und Vorstellung, vol. 2: 579.

    1857

    some spot will support more life if occupied by very diverse forms

    Darwin, C. [1857]. [Letter to A. Gray, Sept. 5, 1857] (Correspondence, vol. 6, Cambridge 1991): 448. 

    1878

    la nature ne peut engendrer la vie que par la mort, la création par la destruction [...;] l’animal et le végétal sont créés pour la vie. D’autre part une conséquence impérieuse de la vie est de ne pouvoir naître que de la mort. Nous l’avons répété sous toutes les formes: la création organique implique la destruction organique. […] Les êtres vivants ne peuvent exister qu’avec les matériaux d’autres êtres morts avant eux ou détruits par eux.

    Bernard, C. (1878). Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux, vol. 1: 147-8.

    1885-87

    Leben lebt immer auf Unkosten andern Lebens

    Nietzsche, F. (1885-87). Nachgelassene Fragmente (KSA, vol. 12): 167.

    1886

    Leben [ist] etwas essentiell Unmoralisches

    Nietzsche, F. (1872/86). Die Geburt der Tragödie (KSA, vol. 1, 9-156): 19.

    1887

    [dass] das Leben essentiell, nämlich in seinen Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungirt und gar nicht anders gedacht werden kann ohne diesen Charakter

    Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift (KSA, vol. 5, 245-412): 312.

    1887

    an sich kann natürlich ein Verletzen, Vergewaltigen, Ausbeuten, Vemichten nichts „Unrechtes“ sein, insofern das Leben essentiell, nämlich in seinen Grundfunktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, vernichtend fungirt und gar nicht anders gedacht werden kann ohne diesen Charakter.

    Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift (KSA, vol. 5, 245-412): 312.

    1929

    whether or no it be for the general good, life is robbery. It is at this point that with life morals become acute. The robber requires justification.

    Whitehead, A.N. (1929). Process and Reality. An Essay in Cosmology (corrected edition, New York 1979): 105.

    1983

    Die Gesamterscheinung Leben ist, energetisch betrachtet, gegenüber ihrer Umgebung parasitär.

    Blumenberg, H. (1981/83). Die Lesbarkeit der Welt: 404.

  • 13) The state of being of entities at various levels of organization, from parts of organisms such as organic molecules, cells and organs to organisms themselves and further on to communities, ecosystems and the whole biosphere.
    life
    1774

    Il y a certainement dans un même animal trois vies distinctes: La vie de l’animal entier. La vie de chacun de ses organes. La vie de la molécule ou de l’élément

    Diderot, D. (1774). Le manuscrit de Pétersbourg (Œuvres complètes, vol. 17, Paris 1987, 213-260): 226; cf. id. (1778). Éléments de physiologie (Œuvres complètes, vol. 17, Paris 1987, 293-516): 310-1.

    1828

    [blood is] endowed with life

    Hunter, J. (1794/1828). A Treatise on the Blood, Inflammation, and Gun-Shot Wounds: 97.

    1838

    Jede Zelle führt [...] ein zweifaches Leben: ein ganz selbstständiges, nur ihrer eignen Entwicklung angehöriges und ein andres mittelbares, in so fern sie integrirender Theil einer Pflanze geworden

    Schleiden, M.J. (1838). Beiträge zur Phytogenesis. Arch. Anat. Pysiol. wiss. Med. 5, 137-176: 138.

    1878

    Un organisme complexe doit être considéré comme une réunion d’êtres simples qui sont les éléments anatomiques et qui vivent dans le milieu liquide intérieur. La fixité du milieu intérieur est la condition de la vie libre, indépendante: le mécanisme qui la permet est celui qui assure dans le milieu intérieur le maintien de toutes les conditions nécessaires à la vie des éléments

    Bernard, C. (1878-79). Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux, 2 vols.: I, 113;

  • 14) An enigmatic state of being which is not and, for conceptual reasons, will never be understood completely.
    life
    1797

    Die organischen Körper sind nicht zu jeder Zeit fähig, die aus den Gesetzen der bloß physischen Kräfte nicht zu erklärenden Erscheinungen hervorzubringen. Den Zustand, in welchem sie dazu fähig sind, bezeichnen wir mit der Benennung: Leben

    Roose, T.G.A. (1797). Grundzüge der Lehre von der Lebenskraft: 13.

    1799

    Nur was aus dem Leben kommt, vermag das Leben zu bilden; aber der Idealismus ist das wahre Gegenteil des Lebens. Sein eigentlicher Zweck ist Wissen, um des Wissens willen: Sein praktischer Nutzen ist nur mittelbar [...] Leben ist ganz eigentlich Nicht-Philosophieren; Philosophieren ist ganz eigentlich Nicht-Leben; und ich kenne keine treffendere Bestimmung beider Begriffe als diese. – Es ist hier eine vollkommene Antithesis, und ein Vereinigungspunkt ist [...] unmöglich

    Fichte, J.G. (1799). [Letter to K.L. Reinhold in Kiel on April 22nd, 1799] (AA, Briefe, vol. 3, 325-333): 327; 333.

    1821

    La plus grande, la plus difficile question que l’on puisse faire, après celle sur Dieu même, est cette demande; qu’est-ce que la vie?

    Virey, J.-J. (1821). Vie. In: Dictionaire des sciences médicales, vol. 57, 434-573: 434.

    1824

    [die Physiologie kann] nur die Bedingungen des Lebens erörtern, nicht aber mit dem Lebendigen selbst sich befassen

    Müller, J. (1824). Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung (in: Holz, H.H. & Schickel, J. (ed.) (1969). Vom Geist der Naturwissenschaft, 53-82): 55.

    1830

    Das Leben ist der zu seiner Manifestation gekommene Begriff, der deutlich gewordene, ausgelegte Begriff, dem Verstande aber zugleich am schwersten zu fassen, weil für ihn das Abstrakte, Tote, als das Einfachste am leichtesten zu fassen ist

    Hegel, G.W.F. (1817/30). Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Werke, vol. 8-10, Frankfurt/M. 1986): II, 37 (§251).

    1883-85

    In dein Auge schaute ich jüngst, oh Leben! Und inʼs Unergründliche schien ich mir da zu sinken. Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spöttisch lachtest du, als ich dich unergründlich nannte

    Nietzsche, F. (1883-85). Also sprach Zarathustra (KSA, vol. 4): 140.

    1892-93

    Der Ausdruck Leben spricht das einem jeden Bekannteste, Intimste aus, zugleich aber das Dunkelste, ja ein ganz Unerforschliches. Was Leben sei, ist ein nicht aufzulösendes Rätsel.

    Dilthey, W. (1892-93). Leben und Erkennen. Ein Entwurf zur erkenntnistheoretischen Logik und Kategorienlehre. In: Gesammelte Schriften, vol. 19 (1982), 341-56; 359-86: 346.

    1907

    notre pensée, sous sa forme purement logique, est incapable de se représenter la vrai nature de la vie, la signification profonde du mouvement évolutif. Créer par la vie, dans des circonstances déterminées, pour agir sur des choses déterminées, comment embrasserait-elle la vie, dont elle n’est qu’une émanation ou un aspect? [...]

    Devant l’évolution de la vie [...] les portes de l’avenir restent grandes ouvertes. C’est une création qui se poursuit sans fin en vertu d’un mouvement initial. Ce mouvement fait l’unité du monde organisé [...]

    L’intelligence est caracterisée par une incompréhension naturelle de la vie

    Bergson, H. (1907). L’évolution créatrice (Paris 1948): vi; 106; 166.

    c. 1910

    [Es] ist in allem Verstehen ein Irrationales, wie das Leben selber ein solches ist; es kann durch keine Formeln logischer Leistungen repräsentiert werden

    Dilthey, W. (c. 1910). Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (Gesammelte Schriften, vol. 7, Stuttgart 1926, 189-291): 218.

    1912

    Der Begriff des Determinismus zieht sich auf immer begrenztere Gebiete zurück, Notwendigkeit und Mechanismus zerfallen gleichsam und lösen sich auf, indem sie das Zauberwort des Lebens vernehmen.

    Köhler, W. (1912). Boutrouxʼ Begriff des Naturgesetzes. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 36 (4), 319-339: 337.

    1922

    das Leben steht im Hintergrund des gesamten Nietzscheschen Denkens, nicht das rein animalische und vegetative, sondern das aufsteigende, über sich hinausstrebende, immer Neues und Höheres gebärende Leben, ein Zauberwort, das auch heute noch nichts von seiner magischen Kraft eingebüßt hat.

    Metz, R. (1922). Von Leibniz bis Nietzsche. Historische Werke über neuere Philosophie. Der Türmer 25, 192-197: 196-7.

    1923

    Das Geschehen, um welches es hier geht [d.i. das Leben], ist eben in einer Schicht heimisch, die nicht mehr Natur und noch nicht Geist ist, an die folglich das begriffliche Denken weder von außen noch von innen recht herankommen kann

    Litt, T. (1923). Erkenntnis und Leben: 42-3.

    1923

    Die Wahrheit des Lebens scheint nirgends anders als in seiner reinen Unmittelbarkeit gegeben und ihr beschlossen zu sein – alles Begreifen und Erfassen des Lebens aber scheint eben diese Unmittelbarkeit zu bedrohen und aufzuheben. […] Nicht in irgendeiner Form der Repräsentation, sondern nur in der reinen Intuition läßt sich der ursprüngliche Gehalt des Lebens erfassen [...]. [Im Erkennen] scheinen wir an den eigentlichen, den echten Kern des Lebens zu rühren, der aber als ein schlechthin einfacher, in sich selbst verschlossener Kern erscheint

    Cassirer, E. (1923). Philosophie der symbolischen Formen, vol. 1 (Darmstadt 1994): 48-9.

    1928

    Für die ganze Zeit des Sturms und Drangs war das Leben ein Zauberwort.

    Schultz, Werner (1928). Das Problem der historischen Zeit bei Wilhelm v. Humboldt. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 6, 293-316: 310.

    1929-48

    [Der Begriff des Lebewesens hat die gleiche Unbestimmtheit wie der der Sprache

    Wittgenstein, L. (1929-48). Zettel (Schriften, vol. 5, Frankfurt/M. 1970): 356 (Nr. 326).]

    1946

    [Vermutlich ist für uns von allem Seienden, das ist, das Lebe-Wesen am schwersten zu denken, weil es uns einer seits in gewisser Weise am nächsten verwandt und andererseits doch zugleich durch einen Abgrund von unserem ek-sistenten Wesen geschieden ist

    Heidegger, M. (1946). Über den Humanismus (Frankfurt/M. 1991): 17.]

    1948

    In diesem Erlebnis [der lebendigen Gestalten der Pflanzen und Tiere] ist die Gewissheit, dass in den Oranismen uns ein Geheimnis begegnet, das dem unseres eigenen Lebens verwandt ist, dass in diesen Gestalten eine besondere Seinsweise sinnfällig vor uns ist, welche in verschiedenem Masse und verschiedener Art von ihrer Innerlichkeit kündet

    Portmann, A. (1948). Die Tiergestalt: 244.

    1949

    es fehlen […] unserem Verstande die maßgebenden Kategorien des organischen Gegenstandes, oder doch wenigstens viele von ihnen, wahrscheinlich die wichtigsten. Und das bedeutet nicht bloß, daß wir sie nicht erkennen, sondern daß sie in unserem Gegenstandsbewußtsein auch nicht unerkannt enthalten sind. Denn das Funktionieren von Erkenntniskategorien in der Gegenstandserfassung hängt nicht an ihrem Erkanntsein, wohl aber kündigt es sich im Gelingen der Gegenstandserfassung an. Diese Sachlage reimt sich sehr genau mit der anthropologischen Perspektive, welche das „dem-Bewußtsein-Entzogensein“ des organischen Geschehens als zweckmäßig für den Organismus verstehen lehrte. Auch der Mensch ist organisches Wesen und als solches mit Instinkten und unbewußten Reaktionen, soweit er sie hat, weit besser an die Lebensbedingungen seiner Umgebung angepaßt, als er es mit durchgehendem Bewußtsein des eigenen organischen Geschehens wäre. Er bedarf also nicht nur keiner weiterreichenden kategorialen Identität auf diesem Gegenstandsgebiet, sondern würde sie auch gar nicht vertragen. Er hat auch hier nur so viel Erkenntnis a priori, wie für ihn zweckmäßig ist, d. h. nur ein Minimum, und ist damit vor der inneren Gefahr seiner Freiheit am besten geschützt. Biologisch kann man sich das weiter so zusammenreimen, daß ein Wesen mit größerer kategorialer Identität in der Konkurrenz der Lebewesen unterlegen gewesen wäre, sich nicht mit gleichem Erfolg hätte durchsetzen und zu jener Beherrschung der umgebenden Welt hätte aufschwingen können, die für den Menschen charakteristisch ist. Man wird eine solche selektivistische Deutung gewiß nicht auf die Spitze treiben dürfen. Wohl aber zeigt sie, daß es ontologisch einen gewichtigen Grund für das Zurücktreten auch des apriorischen Elements in der Erkenntnis des Lebendigen gibt

    Hartmann, N. (1949). Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie. In: Kleinere Schriften, vol. 1 (Berlin 1955), 122-180: 150.

    1956

    ›[D]as Leben‹ […hat] keinerlei eigentliche Struktur

    Binswanger, L. (1956). Drei Formen missglückten Daseins: Verstiegenheit, Verschrobenheit, Manieriertheit (Ausgewählte Werke, vol. 1, Heidelberg 1992, 233-418): 397.

    1958

    das Zauberwort Leben [erfüllte] auch Arnim

    Rudolph, G. (1958). Studien zur dichterischen Welt Achim von Arnims: 136.

    1971

    Es sind keine biologischen Gesetze, sondern es ist gerade im Gegenteil der Einschlag des gesetzlich nicht Faßbaren, des Unerwarteten, des Neuen, des Schöpferischen, an dem wir erkennen, ob etwas lebendig ist

    Sachsse, H. (1971). Einführung in die Kybernetik: 243.

    1973

    Die Erfahrung des Lebens bedeutet die Erfahrung eines Gegenständlichen, von dem das Subjekt sich selbst nicht abzuheben vermag und demgegenüber es in seinem Selbstbegriff als rein ›transzendentales‹ Denkvermögen scheitert

    Simon, J. (1973). Leben. In: Krings, H., Baumgartner, H.M. & Wild, C. (eds.). Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Studienausgabe, vol. 3, 844-859: 844.

    1982

    In dem Maße, wie sich die Wissenschaft vom Lebendigen als Wissenschaft etabliert, entschwindet ihr das Leben in seiner ontologischen Eigentümlichkeit gegenüber der unbelebten Natur

    Engels, E.-M. (1982). Die Teleologie des Lebendigen. Kritische Überlegungen zur Neuformulierung des Teleologieproblems in der anglo-amerikanischen Wissenschaftstheorie. Eine historisch-systematische Untersuchung: 245.

    1991

    Von Leben aber sprechen wir, insofern unsere einteilenden Begriffe gerade etwas bedeuten sollen, das sich den Einteilungen durch uns in sein eigenes ›Inneres‹ entzieht

    Simon, J. (1991). Subjekt und Natur. Teleologie in der Sicht kritischer Philosophie. In: Marx, W. (ed.). Die Struktur lebendiger Systeme, 105-132: 128.
    1993-94

    Ich halte es für einen überaus glücklichen Umstand, daß die Multidemensionalität des Lebendigen sich einfachen oder komplizierten wissenschaftlichen Erklärungen entzieht. Man kann sie nur staunend bewundern, wenn man sie nicht in einem Geschwafel von hinkenden Modellversuchen begraben will

    Chargaff, E. (1993-94). Segen des Unerklärlichen. Scheidewege 23, 3-15: 5.

    2002

    Tutto avviene, cioè, come se, nella nostra cultura, la vita fosse ciò che non può essere definito, ma che, proprio per questo, deve essere incessantemente articolato e diviso [Es scheint so, daß in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muß]

    Agamben, G. (2002). L’aperto. L’uomo e l’animale (ger. trans. Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt/M. 2003): 23 (21).

    2009

    Das Leben ist [...] von der Art, dass es sich einem begrifflichen Zugang versperrt. Leben, dieses bewegte und nur in Bewegung zu verstehende Phänomen, stirbt gleichsam ab, wenn man es in das feste Korsett eines Begriffs presst

    Brenner, A. (2009). Leben: 72-3.

    2016

    in Western culture “life” is not a medical-scientific notion but a philosophico-political concept

    Agamben, G. (2016). The Use of Bodies: 195.

  • 15) A state of being that comes in degrees.
    life
    1802

    Jeder lebende Organismus steigt […] in einer gewissen Form des Lebens von der vita minima herauf zur vita maxima, und kehrt zurück zur vita minima, und beginnet und vollendet hierauf diesen Kreislauf in einer andern Form des Lebens.

    Treviranus, G.R. (1802). Biologie oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aertzte, vol. 1: 98.

    1991

    Leben ist vielleicht weniger ein Alles-oder-nichts-Begriff, wie Maturanas Autopoiese, als eine Kontinuums-Eigenschaft von Organisationsmustern: manche sind lebendiger als andere. […] Im logischen Sinne ist Leben als ein prinzipiell vager Begriff anzusehen, der eine reale »Vagheit«, ein Kontinuum in der Natur widerspiegelt.

    Emmeche, C. (1991). Det Levende Spil: Biologisk form og Kunstigt Liv (germ. Das lebende Spiel. Wie die Natur Formen erzeugt, Reinbek 1994): 43.

  • 16) A universal principle of being, applicable to organic and inorganic objects.
    life
    1805

    Alles, das Universum selber, besitzt Leben

    Treviranus, G.R. (1805). Biologie, vol. 3: 40.

    1806

    Das Seyn, durchaus und schlechthin als Seyn, ist lebendig und in sich tätig, und es giebt kein anderes Seyn, als das Leben

    Fichte, J.G. (1806). Ueber das Wesen des Gelehrten (AA, vol. I, 8, 37-139): 71.

    1808

    In der Natur ist also Nichts, das nicht lebendig wäre; sie ist ganz Leben, weil sie das einzige Leben ist

    Bartels, E. (1808). Systematischer Entwurf einer allgemeinen Biologie: 14.

    1809

    Es gibt nichts Todtes in der Welt; nur das ist todt, was nicht ist, nur das Nichts. [...] In der Welt ist alles lebendig; die Welt selbst ist lebendig

    Oken, L. (1809). Lehrbuch der Naturphilosophie, vol. 1: 24-5 (§ 71).

    1809

    Allgemein betrachtet giebt es also nichts als Leben und nichts außer dem Leben, also auch keinen Tod, der das Leben tilgt

    Augustin, F.L. (1809). Lehrbuch der Physiologie des Menschen, vol. 1. Allgemeine Physiologie und Assimilation: 63.

    1810

    Das Sterben ist nur ein Uebergang zu einem andern Leben, nicht zum Tode

    Oken, L. (1810). Lehrbuch der Naturphilosophie, vol. 2: 18 (Nr. 865).

    1885-86

    Das ›Sein‹ – wir haben keine andere Vorstellung davon als ›leben‹. – Wie kann also etwas Todtes ›sein‹?

    Nietzsche, F. (1885-86). Fragment 2 [172] (KSA, vol. 12, 153).

    1917

    Alle Substanz besitzt Leben, anorganische ebenso wie organische; alle Dinge sind beseelt, Kristalle so gut wie Organismen

    Haeckel, E. (1917). Kristallseelen. Studien über das anorganische Leben: VIII.

  • 17) A system performing a metabolism which feeds back on its own maintenance.
    life
    1817

    La vie est [...] un tourbillon plus ou moins rapide, plus ou moins compliqué, dont la direction est constante, et qui entraîne toujours des molécules de mêmes sortes, mais où les molécules, individuelles entrent et d’où elles sortent continuellement, de manière que la forme du corps vivant lui est plus essentielle que sa matière.

    Cuvier, G. (1817). Le règne animal distribué d’après son organisation, 3 vols.: I, 13.

    1851

    Das Leben läßt sich definieren als der Zustand eines Körpers, darin er unter beständigem Wechsel der Materie seine ihm wesentliche (substantielle) Form allezeit behält

    Schopenhauer, A. (1851). Parerga und Paralipomena (Sämtliche Werke, vol. IV-V, ed. W. v. Löhneysen, Stuttgart/Frankfurt/M. 1960): II, 191.

    1878

    Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper, und diese Daseinsweise besteht wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung der chemischen Bestandteile dieser Körper. [...]

    Stoffwechsel als solcher findet statt auch ohne Leben

    Engels, F. (1878). Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (MEW, vol. 20): 75.

    1910

    Der Stoffwechsel ist das wesentliche Merkmal, durch das sich das Protoplasma von toter organisierter Masse unterscheidet. Er besteht in fortwährender Zersetzung und beständiger Neubildung von Protoplasma: das Leben ist ein beständiges Werden und beständiges Vergehen

    Hesse, R. (1910). Der Tierkörper als selbständiger Organismus. In: Hesse, R. & Doflein, F. (eds.). Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet, vol. 1: 4.

    1913

    Das Leben, so wie wir es kennen, ist ein physikalisch-chemischer Mechanismus und es scheint undenkbar, dass es anders sein sollte. Als solcher besitzt er einen hohen Grad an Komplexität. [...] Ausserdem sind die Lebewesen – oder vielmehr die Gesamtheit der Lebewesen – beständig. [...] Schliesslich soll ein lebendes Wesen auch tätig sein, der Stoffwechsel erfordert Materie und Energie, es muss also zwischen dem Organismus und seiner Umwelt ein beständiger Austausch von Energie und Materie stattfinden.

    Henderson, L.J. (1913). The Fitness of the Environment (germ.: Die Umwelt des Lebens. Eine physikalisch-chemische Untersuchung über die Eignung des Anorganischen für die Bedürfnisse des Organischen, Wiesbaden 1914): 15.

    1926

    Das ›Leben‹ charakterisiert sich […] subjektiv (praktisch und zugleich anthropomorphistisch) durch ›Selbsttätigkeit‹ (›Spontaneität‹, ›Autonomie‹, usw.) und ›Eigenzielstrebigkeit‹ (›das Ziel in sich tragen‹, ›Entelechie‹, usw.) und objektiv […] einerseits durch die spezifische Art der Energiequelle (die eigene Körpersubstanz bzw. deren Dissimilation) und andererseits durch die spezifische Art des Resultates (ebenfalls die eigene Körpersubstanz, bzw. deren Aufbau) der Funktionen und, da beides mit dazugehört: durch die spezifische Art des Kreisprozesses, der also von der eigenen Körpersubstanz ausgeht und wieder in die eigene Körpersubstanz mündet.

    Pikler, J.J. (1926). Das subjektive (praktische) und das objektive (theoretische) Kriterium des Lebens. Zeitschrift für Konstitutionslehre 12, 1-49: 43-4.

    1926

    Das Leben besteht aus Vorgängen, welche sich tatsächlich erhalten, fort und fort wiederholen und ausbreiten, d.h. successive größere Quantitäten von ›Materie‹ in ihr Bereich ziehen. Die Lebensvorgänge gleichen also einem Brand

    Mach, E. (1905/26). Erkenntnis und Irrtum: 50.

    1928

    Alle lebenden Körper sind spezifisch in ihrer Form, sie ›haben‹ eine spezifische Form, wie wir gewohnt sind zu sagen. Alle lebenden Körper zeigen ferner das Phänomen des Stoffwechsels, das heißt sie stehen in Materialaustausch mit dem umgebenden Medium, sie nehmen Material auf und geben Material ab, aber ihre Form kann unverändert bleiben bei diesem Austausch. Und endlich können wir sagen, daß alle lebenden Körper sich bewegen; wenn diese Eigenschaft in ihrer klarsten Ausprägung auch nur im Tierreich bekannt ist, so lehrt doch schon die elementare Wissenschaft, daß sie auch den Pflanzen zukommt

    Driesch, H. (1909/28). Philosophie des Organischen: 7

    1953

    Die lebendigen Systeme lassen sich [...] definieren als körperliche Systeme, die aus einer bis vielen Tausenden von Zellen bestehen, an denen sich [...] drei Gruppen von Vorgängen, die stationären, der Stoff- und Energiewechsel, die physiologischen Schwankungen dieser stationären Prozesse (Reizerscheinungen) und die fortschreitenden Prozesse, der Formwechsel, abspielen.

    Hartmann, M. (1927/53). Allgemeine Biologie. Eine Einführung in die Lehre vom Leben: 19.

    1978

    Life, basically, is the capability of synthesizing proteins in at least sufficient quantity to replace those that are catabolized by normal processes

    Dillon, L.S. (1978). The Genetic Mechanism and the Origin of Life: 408; cf. Fox, S.W. (1996). A definition of life derived from synthesis of protolife. In: Rizzotti, M. (ed.). Defining Life. The Central Problem in Theoretical Biology, 67-75: 67.

    1979

    Life is that property of matter that results in the coupled cycling of bioelements in aqueous solutions, ultimately driven by radiant energy to attain maximum complexity

    Folsome, C.E. (1979). The Origin of Life. A Warm Little Pond: 73.

    1985

    [L]ife can be most consistently regarded as having emerged as informed autocatalytic systems able to exploit thermodynamic gradients

    Wicken, J.S. (1985). Thermodynamics and the conceptual structure of evolutionary theory. J. theor. Bio. 117, 363-383: 378.

    1991

    Life is an autocatalytic process where the system synthesizes itself from simple building blocks

    Kauffman, S.A. (1991). The science of complexity and »origins of order«. PSA 1990, vol. 2, 299-322: 309.

    1994

    Leben heißt Metabolismus: ständige Selbstreproduktion

    Penzlin, H. (1994). »Leben« – was heißt das? Biologen in unserer Zeit 6/94 (Nr. 415), 81-86: 82.

    2000

    Organisms are physical information systems, a type of nonequilibrium thermodynamic system, that are open to exchang of matter and energy but that maintain a relatively closed internal information system that functions to reproduce the system and to perpetuate lineages through time. They are able to impose themselves and their functions on their surroundings and, thus, are self-stabilizing and self-organizing

    Brooks, D.R. (2000). The nature of the organism. Life has a life of its own. In: Chandler, J.L.R. & Vijver, G. van de (eds.). Closure. Emergent Organizations and Their Dynamics, 257-265: 262.

    2002

    Life is the process manifested by individualized evolutionary metabolic systems. […] Evolution of a system may be just: (A1) ontogenetic, accommodating modifications through time, with turnover of spoiled elements or their substitution, or become (A2) phylogenetic, growth and reproduction leading to formation of lineages

    Guimarães, R.C. (2002). An evolutionary definition of life: from metabolism to the genetic code. In: Palyi, G., Zucchi, C. & Caglioti, L. (eds.). Fundamentals of Life, 95-108: 96-7.

    2009

    life arises when lineage-forming entities collaborate in metabolism

    Dupré, J. & O’Malley, M.A. (2009). Varieties of living things: life at the intersection of lineage and metabolism. Philosophy & Theory in Biology 1, 1-25: 1.

    2010

    Leben ist eine Eigenschaft, die Lebewesen von unbelebter Materie unterscheidet. Wesentliche Merkmale für Leben sind Stoff- und Energieaustausch mit der Umwelt sowie Fortpflanzung und Wachstum

    Wikipedia 2010

  • 18) A series of changes of a persistent system, especially when this system initiates and controls these changes; a system aiming at its self-transcendence.
    life
    1828

    Wir behaupten, dass diejenigen Wesen leben, die sich in der Zeit aus eigener Kraft stetig so verändern, dass sie selbst der Grund davon sind, dass sie diese und jene Beschaffenheit annehmen

    Krause, K.C.F. [1828]. Das System der Rechtsphilosophie (Leipzig 1874): 27.

    1838

    Leben ist uns demnach allemal eine Reihe von Veränderungen an und in einem Dasselbe bleibenden Einigen – eine Geschichte; – ist folglich nur Leben insofern es fortschreitet; ein Leben welches nicht fortschreitet, ist schlechterdings undenkbar, – ist kein Leben

    Carus, C.G. (1838-40). System der Physiologie, 2 vols.: I, 7.

    1888

    an allem Lebendigen ist am deutlichsten zu zeigen, daß es alles thut, um nicht sich zu erhalten, sondern um mehr zu werden

    Nietzsche, F. (1888). Fragment 14 [121] (KSA, vol. 13, 301).

    1910

    Si la vie avait un but, elle ne serait plus la vie

    Valéry, P. [1910]. Cahier B 1910 (Paris 1926): 57; cf. Canguilhem, G. (1952/80). Machine et organisme. In: La connaissance de la vie, 101-127: 117; Sutter, A. (1988). Göttliche Maschinen: 245.

    1918

    wir [können] in vielen Fällen verfolgen, daß Ursächlichkeiten und Zweckmäßigkeiten des primären, biologisch, egoistisch, sozialreligiös, bestimmten Lebens Gefühlsverhältnisse liebender Art erzeugen, die aber in der Strömung dieses Lebens nicht befangen bleiben, sondern sich in in jenes transvitale Reich erheben, das man im weitesten, nicht theoretischen Sinne das idelle nennen kann. [...]

    Die Liebe, die etwas ganz Selbständiges, Transvitales geworden ist, an der sich die Abkehr vom Leben und dem Dienst an ihm vollzogen hat, wird in der erotischen Natur wieder zu einem Leben, wie in dem Künstler die überteleologisch gewordene Kunst

    Simmel, G. [1918]. Fragment über die Liebe. Logos 10 (1921-22), 1-54: 29; 39.

    1918

    die Gegenwart des Lebens besteht darin, daß es die Gegenwart transzendiert [...]

    Hinausgreifen des Lebens über sich selbst [...]

    Das Leben findet sein Wesen, seinen Prozeß darin, Mehr-Leben und Mehr-als-Leben zu sein, sein Positiv ist als solcher schon sein Komparativ

    Simmel, G. (1918). Lebensanschauung (Gesamtausgabe, vol. 16, Frankfurt/M. 1999, 209-425): 220; 223; 234-5.

  • 19) A system being in a state of equilibrium with its environment.
    life
    1838

    [L]’idée générale de vie […] suppose, en effet, non-seulement celle d’un être organisé de manière à comporter l’état vital, mais aussi celle, non moins indispensable d’un certain ensemble d’influences extérieures propres à son accomplissement. Une telle harmonie entre l’être vivant et le milieu correspondant caractérise évidemment la condition fondamentale de la vie

    Comte, A. (1838). Biologie. Cours de philosophie positive, vol. 3: 225.

    1855

    life is the continuous adjustment of internal relations to external relations—the maintenance of a correspondence between them

    Spencer, H. (1855). The Principles of Psychology: 472; cf. id. (1864). The Principles of Biology, vol. 1: 81.

    1928

    Körperliche Dinge der Anschauung, an welchen eine prinzipiell divergente Außen-Innenbeziehung als zu ihrem Sein gehörig gegenständlich auftritt, heißen lebendig

    Plessner, H. (1928). Die Stufen des Organischen und der Mensch (Berlin 1975): 89.

  • 20) The state of a system capable of self-reproduction, especially in connection with the ability to mutate, and hence, to evolve.
    life
    1884

    Der Körper, das Soma, erscheint unter diesem Gesichtspunkt gewissermaßen als ein nebensächliches Anhängsel der eigentlichen Träger des Lebens: der Fortpflanzungszellen

    Weismann, A. (1884). Über Leben und Tod (Aufsätze über Vererbung und verwandte biologische Fragen, Jena 1892, 123-190): 165.

    1948

    [T]he essential criteria of life are twofold: (1) the ability to direct chemical change by catalysis; (2) the ability to reproduce by autocatalysis

    Alexander, J. (1948). Life. Its Nature and Origin: 88.

    1959

    With the ability to mutate and to reproduce by copying, evolution becomes inevitable, and our system is almost alive. It is necessary to add a final element, however, and that is the ability to influence the environment in such a way as to insure a supply of the materials necessary for the perpetuation of the system. I suggest that these three properties – mutability, self-duplication, and heterocatalysis – comprise a necessary and sufficient definition of living matter.

    Horowitz, N. (1959). On defining ›life‹. In: Clark, F. & Synge, R.L.M. (eds.). Proceedings of the First International Symposium on the Origin of Life on the Earth, 106-107: 106.

    1966

    [T]he criterion for a type of thing that has life is whether or not it has the potentiality, at least under some circumstances, of evolution by Darwinian natural selection.

    Muller, H.J. (1966). The gene material as the initiator and the organizing basis of life. Amer. Nat. 100, 493-517: 513.

    1966

    [A] living system is any self-reproducing and mutating system which reproduces its mutations, and which exercises some degree of environmental control.

    Shklovskii, I.S. & Sagan, C. (1966). Intelligent Life in the Universe: 197.

    1975

    We shall regard as alive any population of entities which has the properties of multiplication, heredity and variation

    Maynard Smith, J. (1975). The Theory of Evolution: 96 (not in 1st ed. 1958!; probably in 2nd ed. 1966).

    1994

    life is a self-sustained chemical system capable of undergoing Darwinian evolution.

    Joyce, G. (1994). Foreword. In: Deamer, D.W. & Fleischaker, G.R. (eds.). Origins of Life. The Central Concepts, xi-xii: xi.

    1996

    Living things are defined as systems simultaneously having three characteristics: (i) self maintenance, (ii) selfreproduction, and (iii) evolution in interaction with the environment

    Nakamura, H. (1996). The definition of life. In: Rizzotti, M. (ed.). Defining Life. The Central Problem in Theoretical Biology, 167-186: 167.

    1996

    The living being is an open system, cellular, self-reproducing, with self-regulated flows of matter, energy and information which run through it and control its growth and steady state. Because of its attributes such a system is capable of evolution, by adapting itself to changing environmental conditions

    Omodeo, P. (1996). What is a living being? In: Rizzotti, M. (ed.). Defining Life. The Central Problem in Theoretical Biology, 187-198: 187.

    2002

    We propose to define living systems as those that are (1) composed of bounded micro-environments in thermodynamic disequilibrium with their surroundings, (2) capable of transforming energy to maintain their low-entropy states, and (3) able to replicate structurally distinct copies of themselves from an instructional code perpetuated indefinitely through time despite the demise of the individual carrier through which it is transmitted

    Schulze-Makuch, D., Guan, H., Irwin, L.N., & Vega, E. (2002). Redefining life: an ecological, thermodynamic and bioinformatic approach. In: Palyi, G., Zucchi, C. & Caglioti, L. (eds.). Fundamentals of Life, 169-179: 169.

    2004

    ›[A] living being‹ is any autonomous system with openended evolutionary capacities, where (i) by autonomous we understand a far-from-equilibrium system that constitutes and maintains itself establishing an organizational identity of its own, a functionally integrated (homeostatic and active) unit based on a set of endergonic-exergonic couplings between internal self-constructing processes, as well as with other processes of interaction with its environment, and (ii) by open-ended evolutionary capacity we understand the potential of a system to reproduce its basic functional-constitutive dynamics, bringing about an unlimited variety of equivalent systems, of ways of expressing that dynamics, which are not subject to any predetermined upper bound of organizational complexity (even if they are, indeed, to the energetic-material restrictions imposed by a finite environment and by the universal physico-chemical laws)

    Ruiz-Mirazo, K., Peretó, J. & Moreno, A. (2004). A universal definition of life: autonomy and openended evolution. Origins of Life and Evolution of Biospheres 34, 323-346: 330-1.

  • 21) The cohesion and interaction of human beings.
    life
    c. 1910

    Leben ist der Zusammenhang der unter den Bedingungen der äußeren Welt stehenden Wechselwirkungen zwischen Personen, aufgefaßt in der Unabhängigkeit dieses Zusammenhangs von den wechselnden Zeiten und Orten. Ich gebrauche den Ausdruck Leben in den Geisteswissenschaften in der Einschränkung auf die Menschenwelt […]. Das Leben besteht in der Wechselwirkung der Lebenseinheiten. […] Der Ausdruck Wechselwirkung bezeichnet in den Geisteswissenschaften […] ein Erlebnis; dieses kann in Ausdrücken desselben bezeichnet werden durch das Verhältnis von Impuls und Widerstand, Druck, Innewerden des Gefördertseins, der Freude über andere Personen usw.

    Dilthey, W. (c. 1910). Plan der Fortsetzung zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. In: Groethuysen, B. (ed.) (1926). Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. In: Wilhelm Dilthey. Gesammelte Schriften, vol. 7, 189-291: 228.

  • 22) A principle of existence which embraces vital processes as well as transvital, mental phenomena.
    life
    1916-17

    große Axendrehung des Lebens [...] die Formen oder Funktionen, die das Leben um seiner selbst willen, aus seiner eigenen Dynamik hervorgetrieben hat, werden derart selbständig und definitiv, daß umgekehrt das Leben ihnen dient, seine Inhalte in sie einordnet, und daß das Gelingen dieser Einordnung als eine ebenso letzte Wert- und Sinnerfüllung gilt, wie zuvor die Einfügung dieser Formen in die Oekonomie des Lebens

    Simmel, G. (1916-17). Vorformen der Idee. Aus den Studien zu eine Metaphysik (Gesamtausgabe, vol. 13, Frankfurt/M. 2000, 252-298): 253.

    1918

    die Gegenwart des Lebens besteht darin, daß es die Gegenwart transzendiert [...]

    Hinausgreifen des Lebens über sich selbst [...]

    Das Leben findet sein Wesen, seinen Prozeß darin, Mehr-Leben und Mehr-als-Leben zu sein, sein Positiv ist als solcher schon sein Komparativ

    Simmel, G. (1918). Lebensanschauung (Gesamtausgabe, vol. 16, Frankfurt/M. 1999, 209-425): 220; 223; 234-5.

    1918

    wir [können] in vielen Fällen verfolgen, daß Ursächlichkeiten und Zweckmäßigkeiten des primären, biologisch, egoistisch, sozialreligiös, bestimmten Lebens Gefühlsverhältnisse liebender Art erzeugen, die aber in der Strömung dieses Lebens nicht befangen bleiben, sondern sich in in jenes transvitale Reich erheben, das man im weitesten, nicht theoretischen Sinne das idelle nennen kann. [...]

    Die Liebe, die etwas ganz Selbständiges, Transvitales geworden ist, an der sich die Abkehr vom Leben und dem Dienst an ihm vollzogen hat, wird in der erotischen Natur wieder zu einem Leben, wie in dem Künstler die überteleologisch gewordene Kunst

    Simmel, G. [1918]. Fragment über die Liebe. Logos 10 (1921-22), 1-54: 29; 39.

    1930

    Der Geist braucht nicht mehr als ein allem Leben fremdes oder feindliches Prinzip betrachtet, sondern er kann als eine Wendung und Umkehr des Lebens selbst verstanden werden – eine Wandlung, die es in sich selbst erfährt, in dem Maße, als es aus dem Kreise des bloß organischen Bildens und Gestaltens in den Kreis der ›Form‹, der ideellen Gestalt, eintritt

    Cassirer, E. (1930). »Geist« und »Leben« in der Philosophie der Gegenwart (Schriften zu den Lebensordnungen von Natur und Kunst, Geschichte und Sprache, ed. E.W. Orth, Leipzig 1993, 32-60): 52-3.

    1934

    Leben im tierischen Sein ist aber etwas anderes als Leben im menschlichen

    Goldstein, K. (1934). Der Aufbau des Organismus. Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen: 300.

  • 23) The unity of an organism and its environment.
    life
    1931

    the conception of life embraces the environment of an organism, as well as what is within its body

    Haldane, J.S. (1931). The Philosophical Basis of Biology: 18.

    1972

    The unit of survival is organism plus environment. [Die Einheit des Überlebens besteht aus Umwelt plus Organismus.]

    Bateson, G. (1972). Steps to an Ecology of Mind (Chicago 2000): 491 [germ. transl. Ökologie des Geistes, Frankfurt/M. : 620].

    1987

    Das Modell [des Funktionskreises] geht von der Einischt aus, daß es nicht möglich ist, Lebendiges zu beschreiben, solange man entweder von dem Organismus der Lebewesen oder von deren Umgebung ausgeht; den Lebendes zeigt sich nur als ein unauflösbares Ineinander-Verschlungenen-Sein von beidem. So ist es z.B. nicht möglich anzugeben, wo die Grenze zwischen der Außenluft, die ein Lebewesen einatmet, und dessen Organismus gezogen werden kann

    Uexküll, T. von (1987). Die Wissenschaft von dem Lebendigen. Perspekt. Philos. 13, 451-461: 457.

  • 24) A form of existence which is best known on the basis of one’s own inner experience.
    life
    1955

    Am besten kennen wir das Leben von uns selber durch unsere eigene Erfahrung

    Portmann, A. (1949/55). Probleme des Lebens: 9.

    1992

    Nichts ist konkreter als das Leben, und nichts abstrakter als sein allgemeiner Begriff

    Türcke, C. (1992). Kassensturz. Zur Lage der Theologie: 100.

    1996

    präreflexive Vertrautheit mit dem Leben [...]

    Entweder Denken erklärt ›Leben‹ zum prinzipiell Unbekannten, nur Angewandten, oder es erklärt ›Leben‹ zum prinzipiell Immer-schon-Bekannten

    Hafner, J.E. (1996). Über Leben. Philosophische Untersuchungen zur ökologischen Ethik und zum Begriff des Lebewesens: 207; 208.

    1996

    weder die genuin biologischen noch teleologischen Kriterien des Lebens  [können] die intendierte Unterscheidung zwischen dem Lebendigen und dem (bloß) materiellen leisten

    Kambartel, F. (1996). Normative Bemerkungen zum Problem einer naturwissenschaftlichen Definition des Lebens. In: Barkhaus, A., Mayer, M., Roughley, N. & Thürnau, D. (eds.). Identität, Leiblichkeit, Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens, 109-114: 110.

  • 25) An absolute metaphor, i.e. a concept having various meanings, incapable of being resolved into one proper terminological meaning.
    life
    1971

    Das animal symbolicum beherrscht die ihm genuin tödliche Wirklichkeit, indem es sie vertreten läßt; es sieht weg von dem, was ihm unheimlich ist, auf das, was ihm vertraut ist. Am deutlichsten wird das dort, wo das Urteil mit seinem Identitätsanspruch überhaupt nicht ans Ziel kommen kann, entweder weil sein Gegenstand das Verfahren überfordert (die ›Welt‹, das ›Leben‹, die ›Geschichte‹, das ›Bewußtsein‹) oder weil der Spielraum für das Verfahren nicht ausreicht, wie in Situationen des Handlungsszwangs, in denen rasche Orientierung und drastische Plausibilität vonnöten sind.

    Blumenberg, H. (1971). Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik. In: Wirklichkeiten, in denen wir leben (Stuttgart 1981), 104-136: 116.

    2000

    Am Beispiel des Unbegriffs ›Leben‹ läßt sich diese Antinomik der Vernunft vorgreifend exemplifizieren. Für ›Leben‹ wie für andere Totalitäten, also nicht nur für ›Welt‹, ›Zeit‹ oder ›Gott‹ gilt, wie Kant in seinen kosmologischen Antinomien zeigte, definiri nequit. Was sich nicht definieren läßt, kann nicht auf einen Begriff gebracht werden und kann daher wenn, dann unbegrifflich (logisch gefaßt: paradox) unter Umgehung einer Antinomie näher ausgesagt werden. ›Leben‹ ist zwar auch ein Thema der Anstrengung des Begriffs, aber ohne daß hier je ein hinreichend bestimmter Terminus möglich wäre. Das ›Leben‹ ist (auf Erden) universal und provoziert eine Antinomie der Vernunft in ihrem Bezug auf dieses Thema. Die Rede von Leben ist de facto um diese Antinomie zu vermeiden, nicht wesentlich begrifflich, sondern unbegrifflich verfaßt etwa in Gestalt der metaphorischen Darstellung. […] Die Welt, in der wir leben, wie das Leben, das wir führen, sind Horizontvermeinungen, die nicht (vor allem) als Begriffe auftreten, sondern als absolute Metaphern und ihre Verwandten. Ein Lebensbegriff ist daher eine contradictio in adjecto, wenn er etwas zu terminieren vorgibt, von dem gilt ›definiri nequit‹. Hier ist der Begriff die uneigentliche Sprachform. Reflexionslogisch zerfällt ein solcher ›Unbegriff‹ an seiner antinomischen Dialektik, da er nicht konsistent ist in seinem Selbstbezug, sofern man seine Pragmatik nicht reduziert.

    Stoellger, P. (2000). Metapher und Lebenswelt. Hans Blumenbergs Metaphorologie als Lebenswelthermeneutik und ihr religionsphänomenologischer Horizont: 88; 89.

    2002

    Absolute Metaphern verweisen auf Phänomene, die zwar abstrakt definierbar sein mögen, die aber zu groß, zu nah, zu unkonkret sind, als dass ihnen je wird eine Anschauung entsprechen können, also: die Welt, das Leben, die Wahrheit, ja selbst: das eigene Ich.

    Zill, R. (2002). »Substrukturen des Denkens«. Grenzen und Perspektiven einer Metapherngeschichte nach Hans Blumenberg. In: Bödeker, H.E. (ed.). Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte, 209-251: 231.

    2010

    In einem Gedanken bietet die Metapher [des Lebens] die Möglichkeit, Bedeutungen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen zu denken und Probleme von „menschlichem“ und „unmenschlichem“ Leben aufeinander zu behziehen.

    Lammel, H.-U. (2010). „Leben“ als resistenter Begriff und absolute Metapher im Denken Christoph Wilhelm Hufelands (1762-1836). In: Junge, M. (ed.). Metaphern in Wissenskulturen, 249-263: 262.

    2010

    Leben als absolute Metapher

    Fellmann, F. (2010). Leben. In: Bermes, C. & Dierse, U. (eds.). Schlüsselbegriffe der Philosophie des 20. Jahrhunderts, 189-206: 203.

  • 26) A non-scientific or folk concept; a reflexive term based on various practical contexts.
    life
    1998

    ›das Leben‹ [kann] nicht der Gegenstand wissenschaftlicher, damit a fortiori biologischer Bemühung sein

    Gutmann, M., Hertler, C. & Weingarten, M. (1998). Ist das Leben überhaupt ein wissenschaftlicher Gegenstand? Fragen zu einem grundlegenden biologischen Selbst(miß)verständnis. In: Was wissen Biologen schon vom Leben? Loccumer Protokolle 14/97, 111-128: 122; cf. Weingarten, M. (1997). Was ist der Gegenstand biologischer Forschung: das Leben oder der Organismus? In: Klenner, H., Losurdo, D., Lensink, J. & Bartels, J. (eds.). Repræsentatio Mundi, 503-526.

    1999

    [Nach J. König rekurriert] ›Leben‹ als […] Reflexionsterminus auf die Ebenen alltäglicher praktischer Vollzüge, deren wir uns als unseres eigenen ›gelebten Lebens‹ versichern und auf die wir hinweisen können als diejenigen Vollzüge, die jeder, so er denn lebt, an sich selbst wahrnehmen kann

    Janich, P. & Weingarten, M. (1999). Wissenschaftstheorie der Biologie: 126.

    2010

    The demarcation between life and non-life is the product of human history, not of evolutionary history

    Morange, M. (2010). The resurrection of life. Origins of Life and Evolution of Biospheres 40, 179-182: 180.

    2010

    [At some point in the future], life will be no longer a concept for the natural sciences, but just a convenient word in practice, in the kind of world that we inhabit. ›Life‹ will be a folk concept. Its specialists will be no longer chemists, biologists, and roboticists; life will be a subject for psychology, cognitive science and anthropology

    Gayon, J. (2010). Defining life: synthesis and conclusions. Origins of Life and Evolution of Biospheres 40, 231-244: 243.

    2011

    Soll nicht auf letztlich vormoderne Formen biologischer Forschung zurückgegriffen werden, dann wäre […] die Frage nach dem Leben einfach dadurch zu beantworten, daß das Substantiv als zusammenfassende Rede über eine Liste von Ausdrücken aufgefaßt würde, dessen […] Referent lediglich Beschreibungen von Eigenschaften, Leistungen oder Fähigkeiten von Lebewesen wäre. Die Einheit des Ausdrucks wäre mithin nur reflexiv bestimmbar, nicht aber substantiell

    Gutmann, M. (2011). Leben und Technik. In: Gethmann, C.F. (ed.). Lebenswelt und Wissenschaft. XXI. Deutscher Kongreß für Philosophie, Kolloquienbeiträge (= Deutsches Jahrbuch Philosophie, 3), 123-145: 130.

Stöhr, A. (1909). Der Begriff des Lebens.

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